Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Spät erklingt, was früh erklang, 
Glück und Unglück wird Gesang: 
denn ihm ward in der Tat mit Unglück und Glück der Ge— 
sang zum Jauchzen, zum Flehen, zum Befehl; zur Anklage, 
zum Triumphe, zur Beichte. In den Jugendgedichten aber 
trifft dies Persönliche des Erlebnisses ganz besonders oft und 
in den leidenschaftlichsten, rhythmisch gleichsam klopfenden Versen 
unser Ohr: „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde“; 
„Herz, mein Herz, was soll das geben?“ und andere Ge— 
dichte mehr. 
Und dennoch! Auch diese scharfe Betonung des Persönlich- 
Subjektiven, dies Hervorleuchtenlassen des eigenen Erlebnisses, 
ist bereits Ausnahme. Erstaunlich früh schon, ein Zeichen 
stärkster Selbsterziehung, und kaum erst diesseits der Periode 
allgemeinen wie persönlichen Sturmes und Dranges, klärte sich 
diese erste Gärung; würdig und erhaben stieg die typische Durch— 
bildung des persönlichen Geschehnisses empor; und wenn nicht 
vom Leben des Dichters überhaupt, so doch von den Festes— 
stunden seiner Dichtung durfte es nun heißen: 
Besänftiget wird jede Lebenswelle, 
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle. 
Die Höhe der frühsubjektivistischen Lyrik ist damit erreicht: 
die Gefühle erscheinen ins allgemein Menschliche gezogen, die 
innere Wahrheit der Gefühlsanlage unseres Geschlechtes leuchtet 
aus ihnen hervor, zeitlos erscheinen sie fast und national nur 
noch im höchsten Sinne. 
Bedarf es für diese wundersame Wandlung der Lyrik 
Goethes hier noch der Zeugnisse? Es ist kein Zufall, daß 
gerade die schönsten der Gedichte Goethes, die aus dieser 
Transsubstantiation geboren sind, Eigentum geworden sind 
alles Volkes deutscher Zunge: denn sie sind allgemeinste Zeichen 
nationaler Verwandtschaft. Dennoch möge ein Perlenpaar 
solcher Dichtungen hier eingeschaltet werden; denn so allein 
vermag ein voller Eindruck des herrlichen Abschlusses unserer 
frühsubjektivistischen Lyrik erreicht zu werden.
	        
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