Neue Dichtung.
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Spät erklingt, was früh erklang,
Glück und Unglück wird Gesang:
denn ihm ward in der Tat mit Unglück und Glück der Ge—
sang zum Jauchzen, zum Flehen, zum Befehl; zur Anklage,
zum Triumphe, zur Beichte. In den Jugendgedichten aber
trifft dies Persönliche des Erlebnisses ganz besonders oft und
in den leidenschaftlichsten, rhythmisch gleichsam klopfenden Versen
unser Ohr: „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde“;
„Herz, mein Herz, was soll das geben?“ und andere Ge—
dichte mehr.
Und dennoch! Auch diese scharfe Betonung des Persönlich-
Subjektiven, dies Hervorleuchtenlassen des eigenen Erlebnisses,
ist bereits Ausnahme. Erstaunlich früh schon, ein Zeichen
stärkster Selbsterziehung, und kaum erst diesseits der Periode
allgemeinen wie persönlichen Sturmes und Dranges, klärte sich
diese erste Gärung; würdig und erhaben stieg die typische Durch—
bildung des persönlichen Geschehnisses empor; und wenn nicht
vom Leben des Dichters überhaupt, so doch von den Festes—
stunden seiner Dichtung durfte es nun heißen:
Besänftiget wird jede Lebenswelle,
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.
Die Höhe der frühsubjektivistischen Lyrik ist damit erreicht:
die Gefühle erscheinen ins allgemein Menschliche gezogen, die
innere Wahrheit der Gefühlsanlage unseres Geschlechtes leuchtet
aus ihnen hervor, zeitlos erscheinen sie fast und national nur
noch im höchsten Sinne.
Bedarf es für diese wundersame Wandlung der Lyrik
Goethes hier noch der Zeugnisse? Es ist kein Zufall, daß
gerade die schönsten der Gedichte Goethes, die aus dieser
Transsubstantiation geboren sind, Eigentum geworden sind
alles Volkes deutscher Zunge: denn sie sind allgemeinste Zeichen
nationaler Verwandtschaft. Dennoch möge ein Perlenpaar
solcher Dichtungen hier eingeschaltet werden; denn so allein
vermag ein voller Eindruck des herrlichen Abschlusses unserer
frühsubjektivistischen Lyrik erreicht zu werden.