Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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aus dem Jahre 17883 stammt das entsagende „Über allen 
Gipfeln ist Ruh“, das wie ein Schlußstein einer ersten Ent— 
wicklung anmutet. Aber diese Quelle versiegte nicht; bis in 
die Jahre höchsten Greisenalters floß sie, wenn auch unter 
gewissen Wandlungen der Färbung, fort: und die Nation und 
die Welt verdankt ihr tausend Bäche und Ströme edelsten 
Genusses. — 
Nicht zu so vollendetem Abschlusse wie die Lyrik, aber 
doch schon zu einer Höhe, die Aussichten auf Großes eröffnete, 
hat sich die Dramatik des Sturmes und Dranges entfaltet. 
Diese Entwicklung kann aber nur verständlich gemacht werden, 
wenn wir, mit Hilfe einiger allgemeinerer Erwägungen, unsere 
Blicke ein wenig auf die Grundvorgänge der Entstehung des 
modernen Dramas überhaupt zurücklenken. 
Da ist denn an der Hand der Denkmäler seit dem 16. 
und 17. Jahrhundert vor allem festzustellen, daß das moderne 
Drama nach seinem Wesen und Aufbau wie in seinem ent⸗ 
wicklungsgeschichtlichen Gange nicht durch die Fabeln, in denen 
die einzelnen Schauspiele verlaufen, bestimmt wird. Die Fabel 
ist für den Charakter des Dramas im allgemeinen nur so lange 
das Entscheidende gewesen, als dieses noch in epische Formen 
eingegossen war: in Deutschland also bis auf und vielfach 
auch noch bei Hans Sachs!. In der Zeit dagegen, da das 
Drama als volle eigene Kunstform frei wurde, traten alsbald 
zwei andere Elemente als für den Verlauf der Entwicklung 
bestimmend in den Vordergrund: die Idee oder das Schicksal, 
und die Charaktere oder die Gestalten. 
Von ihnen gehören die Gestalten dem Leben an, werden 
also aus diesem heraus mit aller Höhe des jeweils erreichten 
psychologischen Verständnisses gezeichnet. Hier liegt demnach 
ein Moment vor, das jedes Drama in eben seine Zeit stellt: 
die Charakterzeichnung ist abhängig von der gerade jetzt vor— 
handenen Fähigkeit des Verständnisses und der literarischen 
Wiedergabe der Charaktere, die dem Dichter innerhalb des 
1S. Bd. VI-2 S. 247 ff. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 
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