Neue Dichtung.
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Indes war ihnen denn eine solche historische Einreihung
Shakespeares in den Entwicklungsvorgang des abendländischen
Seelenlebens, wie sie soeben versucht worden ist, und waren
ihnen die daraus für sie zu ziehenden Schlüsse überhaupt mög—
lich? Nur in seltenen, wenn auch entscheidenden Momenten
mögen sie diese Zusammenhänge ihrer Kunst fühlbar geahnt
haben; im übrigen hatten sie recht, wenn sie zunächst nur die
zahlreichen, meisterhaft entwickelten Seiten der Kunst Shake—
peares wahrnahmen, die ihnen in der Tat als Vorbild dienen
konnten, und sich so unter erlauchter Fuhrung enthusiastisch in
den Kampf um die Gestaltung eines neuen Dramas stürzten.
In diesem Kampfe aber war es Goethe, der am frühesten
ein allen sichtbares und die Nachahmung vieler weckendes
Zeichen gab in seinem „Götz von Berlichingen“ (1773). Das
Zeugnis durchschlagender Bedeutung, das ihm Friedrich der
Große ausstellte, gehört zu den merkwürdigsten Denkmälern der
Geschichte des 18. Jahrhunderts wie des Wesens des Zusammen⸗
hanges zwischen politischer und Geistesentwicklung überhaupt:
mehr, zu sehen, wie eine ewige Gerechtigkeit das ethische Gefetz durch den
Zufall als deus ex machina zur Geltung bringt. Wir wollen vielmehr
zdargestellt wissen, wie die tragische Schuld durch die rein natürlichen
Konsequenzen ihres faktischen Inhalts und durch die in ihr selbst liegenden
Kräfte des Wirkens die Katastrophe herbeiführt, und so verlangen wir,
daß uns die Tragödie darstellt, was nach unserer Überzeugung den tiefsten
Kern alles Daseins bildet, daß nämlich dasjenige, was eine sittliche Not—
wendigkeit des Sollens fordert, durch eine natürliche Notwendigkeit des
Müssens realisiert wird. Kaum will es uns genügen, wie G. Freytag an
Roimeo und Julia‘ gezeigt hat, wenn uns das Furchtbare der Situation
so zum Bewußtsein gebracht wird, daß wir einen unglücklichen Zufall für
das Wahrscheinliche halten. Man nennt eine solche Forderung der streng
notwendigen Komposition gern modernen Realismus: es ist der Realismus,
der die Idee realisiert wissen will, und die Idee realisiert sich nur als
Notwendigkeit. Indem so die moderne Tragödie darauf gerichtet ist, den
kausalen Zufall und den Zweckzufall zu gleicher Zeit zu verbannen, stellt
sie als das wahre Wesen alles Geschehens eine Welt dar, in der das
Naturgesetz nur die Realisierung des Sittengesetzes ist: man könnte sie eine
Mechanik des Sittengesetzes nennen.“ Dieses Sittengesetz aber ist das
moderne, nicht das des 16. Jahrhunderts.