176 Zweiundzwanzigstes Buch.
Pantheismus des siebzehnten, Evangelium einer ringenden
Seele der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.
Und kündigen sich daneben feste Momente an, soweit sie
dem ganz besonderen Denken des Sturmes und Dranges an—
gehören, so mögen sie vielleicht in der Verklärung der Vor—⸗
stellung des Originalgenies gefunden werden, wie sie, doch wohl
schon eine Konzeption dieser Zeit, im „Egmont“ auftritt: der
Held des Dramas wird mit einer dämonischen Gewalt begabt
gedacht, die selbst die Grundfesten eines pantheistischen Monis—
mus zu durchbrechen imstande sei.
Viel durchsichtiger, aber zugleich auch menschlich-sittlich
viel begrenzter in der Entwicklung der Schicksalsidee seiner
Dramen ist Schiller. Freilich scheidet auch bei ihm ein Drama
bis zu gewissem Grade aus, der „Fiesco“: es ist ein Erzählungs-
stück, eine dramatisierte Geschichte gleich Goethes „Götz“: und
wie es Schiller nicht gelungen ist, die historische Vorlage auch
nur bis zum vollständigen Ineinanderspielen der Szenen nach
Raum und vor allem Zeit zu bändigen, so ist er ihrer noch
weit weniger unter dem Walten einer klaren Weltanschauung
Herr geworden.
Welch reiches Interesse dagegen bieten „Räuber“ und
„Kabale und Liebe“! Die „Räuber“ spielen in einer katholischen
Umwelt; im Christentum spiegeln sich alle Gestalten des Stückes,
wenn auch in sehr verschieden klaren Umrissen. Und der Dichter
selbst scheint das Stück wesentlich noch unter dem Einflusse jener
protestantischen Idee eines erbarmenden Gottes empfangen zu
haben, in der er getauft und erzogen worden war: noch bis
zur letzten Szene des letzten Aktes ist sie oft vorausgesetzt,
nirgends durchbrochen. Aber schließlich, wo es gilt, ein letztes
Siegel auf eine furchtbare Urkunde kühnster Auflehnung gegen
menschliche Ordnung zu setzen, verläßt der Dichter die christ—
liche Schicksalsider: indem die Räuber Amalien für sich als
Gemeinbesitz fordern und Karl sie tötet, brechen die Schrecken
unerbittlicher Konsequenz menschlicher Zustände herein, und
über den Wolken erscheint ein harter und eifriger Gott, ein
determinierter Gott der Rache.