Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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eines streng disziplinierten Szenenaufbaues alsbald näher. 
Etwas von dieser Wandlung läßt sich schon im „Fiesco“ wahr— 
nehmen; wie die theatralischen Wirkungen hier bei allem 
Grellen, das ihnen noch anhaftet, doch nicht mehr das Ur— 
sprüngliche der ungezügelten Wildheit der „Räuber“ aufweisen, 
so sind auch die Charaktere schon mehr voll abgewogenen 
Lebens; und finden sich schwere Verzeichnungen, wie die der 
Julia, so wird doch in Muley Hassan selbst dem Humor, einem 
selteneren Gaste bei Schiller, ein unerwartetes Recht. Einer 
bei weitem höheren Entwicklungsstufe des Dichters gehört dann 
aber „Kabale und Liebe“ an. Gewiß ist auch hier der Aufbau 
des Intrigenspieles noch zu verstandesmäßig und darum mehr 
von raffinierter Lebhaftigkeit als von der einfacheren Fülle 
quellenden Lebens: aber er ist doch in sich klar, ja vollendet 
durchsichtig; und rasche, energische, immer spannende Szenen⸗ 
führung vereint sich mit einem großen Zuge zu einfacher Wirk⸗ 
lichkeit. Darum sind denn auch die Gestalten namentlich jener 
Umwelt, die Schiller besser kannte, insbesondere des Heims 
der Musikantenfamilie, wirklich Menschen von Fleisch und Blut, 
und zwar nicht bloß Luise und ihre Mutter, sondern noch 
mehr fast das Haupt der Familie, der vermutlich Schillers 
Vater nachgebildete Miller. 
Freilich darf man über alledem nicht vergessen, daß wie 
in der Schicksalsidee, so auch in der Gestaltenbildung während 
des Sturmes und Dranges die volle Sicherheit und Höhe 
einer neuen Dichtung noch nicht erreicht worden ist: wie weit 
bleiben die Dramen dieser Zeit doch zurück hinter dem psycho— 
logischen Drama der achtziger Jahre, hinter „Tasso“ und 
„Iphigenie“, ja selbst hinter dem „Egmont“ Goethes! 
Aber war nicht das Erreichte schon gewaltig genug? Bangt 
und jauchzt nicht noch heute das Herz im Anblick der Schick— 
sale Götzens oder Ferdinands? Auch die Goetheschen Dramen 
höchster Kunst waren ihrer Zeit eingeschrieben, auch sie noch 
standen nicht auf der Höhe der naturalistischen Anforderungen 
unserer Gegenwart — und doch waren sie weit mehr als „Götz“ 
oder „Kabale und Liebe“.
	        
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