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Zweiundzwanzigstes Buch.
3. Empfindsamkeit und Sturm und Drang sind nicht wie
verhallendes Säuseln und verheerende Windsbraut unfruchtbar
uͤber das deutsche Geistesleben und die Entwicklung der Nation
überhaupt dahin gegangen. Schon die schwellenden Blüten⸗
ansätze in der Poesie, in der erzählenden Dichtung wie in
Lyrik und Drama, die wir kennen gelernt haben, bezeugen es.
Aber die Einflüsse beider Perioden griffen noch tiefer.
Würde man sie an einem anschaulichen Gegenstande ziemlich
nach allen Seiten verfolgen wollen, so könnte das am ehesten
an einer Kontrastierung dessen geschehen, was die deutsche
Sprache vor und was nach beiden Perioden gewesen ist. An
dieser Stelle kann das freilich noch nicht einmal stizzenhaft,
sondern nur mit einem etwas gegenständlicher gefaßten Hinweise
auf das Außerordentliche der wahrzunehmenden Veränderungen
geschehen. Was war doch aus dieser Sprache geworden, die,
nach ihren letzten herrlichen Tagen in der Reformationszeit,
in deutscher Zunge für die Aussprache des Feierlichen und
Schweren so gut wie ganz durch das Latein, für die Außerung
von Anmut und Lebenserfahrung vielfach durch das Franzö⸗—
sische verdrängt worden war! Schon in der Stunde ihres
Entstehens gleichsam begann die neue Dichtung, ja das neue,
nationale Seelenleben überhaupt sich ihrer anzunehmen, sich
an ihr zu erwärmen, sie fortzubilden. Günthers Sprache mag
noch im ganzen die der zweiten Schlesischen Dichterschule ge—
wesen sein, wenn auch abgeschliffen, gemildert, verpersönlicht:
Haller sprach alsbald, in enger Fühlung mit der Sprache seiner
Schweizerheimat, zaubermächtig in neuen Tönen und gedrungen
zugleich, fern jedenfalls der Breite und Glattheit Frankreichs,
und machte das Wort, obwohl der Gedankendichtung zugewandt,
auch einer neuen Schilderung der Außenwelt mächtig: so schon
mit Urgewalt in dem ältesten Gedichte, das von ihm erhalten
ist, den „Morgengedanken“:
Durchs rote Morgentor der heitern Sternenbühne
Naht das verklärte Licht der Welt;
Die falben Wolken glühn von blitzendem Rubine,
Und brennend Gold bedeckt das Feld.