Zweiundzwanzigftes Buch.
zu verlieren; und es ist nicht völlig falsch zu sagen, daß eben
er eben auf diesem Wege mit die Romantik am frühesten er⸗
öffnet habe.
Die merkwürdigsten Vertreter aber einer entwicklungs⸗
geschichtlich gleichsam nachhinkenden Empfindsamkeit und eines
verspäteten Sturmes und Dranges — und doch zugleich wieder
höchst fortgeschrittene Vorahner der literarischen Kunst der
zweiten Periode des Subjektivismus und insofern Vorläufer
von Dichtern wie Hebbel und Otto Ludwig oder Keller und
Raabe — waren Jean Paul (1763 —-1825)1 und Heinrich
oon Kleist (1777 1811).
Jean Pauls Kunst kann, nach einer gewissen Seite hin
hetrachtet, mit ihren Schnörkeln, Verkröpfungen, Chinoiserien
fast noch als Ausläuferin der Zopfzeit erscheinen. Sieht man
aber genauer zu, so ergibt sich, daß dieser wunderliche Auf—
und Ausputz sich zu den literarischen Manieren der Empfind⸗
samkeit ähnlich verhält, wie etwa die Formenwelt der Spät—⸗
gotik zu jener der Gotik des 14. Jahrhunderts: die Form ist
erkaltet und in diesem Zustande weitergebildet, während der
Geschmack im prägnanten Sinne, die Freude am richtigen Ver⸗
hältnisse großer und kleiner Anschauung zur Welt, verloren ge⸗
gangen ist.
Nun mag man sagen, das sei eben das Kennzeichen des
Humors, der Ansicht der nächsten Generationen nach Jean
Paul zufolge zweifelsohne der hervorstechendsten Eigenschaft des
Dichters; und gerade in diesem Humor stecke das Gegengift
gegen eine zu große Empfindsamkeit. Und richtig mag sein,
daß die deutschen Humoristen der neuesten Zeit, von Jean Paul
bis auf Raabe, vor allem eine Art Humor gepflegt haben, die,
statt die Welt mit einer bestimmten Sättigung von Empfindungen
Johann Paul Friedrich Richter. Hauptwerke: „Schulmeisterlein
Wuz“ 1790, „Hesperus“ 1795, um einen charakteristischen Titel genau zu
zitieren „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und
Hochzeit des Armenadvokaten Siebenkäs“ 1796, „Quintus Fixlein“ 1786,
„Titan“ 180144, „Flegeljahre“ 1804, — „Levana oder Erziehungs—
ehre“ 1807.