Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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objektiv zu durchdringen, sich in der Dichtung selbst gesetzt und 
damit in der Welt nur subjektiv bespiegelt hat. 
Aber ist dies die einzige Art von Humor? Es ist am 
Ende doch der Humor vornehmlich des Kleinen, Unbedeutenden, 
Philiströsen: eben der Humor, der den sozialen Voraussetzungen 
der empfindsamen Periode und auch der Umwelt entsprach, in 
der sich Jean Paul und andere, spätere Humoristen mit Vorliebe 
bewegten. Und hat nicht die Zeit unseres hohen Idealismus 
selbst schon Jean Paul eben diesem Lebenskreise zugewiesen — 
die Zeit, die das Hohe, Gewaltige, ergreifend Schöne pflegte 
und von verhaltenem Pathos erklang? „Der Humor“, meint 
Goethe, „ist eines der Elemente des Genies, aber sobald er 
— E begleitet die ab⸗ 
nehmende Kunst, vernichtet sie zuletzt.“ 
In der Tat war die Kunstform, in der Jean Paul sich am 
liebsten bewegte, der Roman absterbender Empfindsamkeit, wenn 
auch in Versetzung mit manchen uns heute sehr modern an— 
nuienden Elementen: nichts jedenfalls von dem überkräftigen 
Realismus, den Sturm und Drang inzwischen gezeitigt hatten; 
Anschauung überhaupt nur im kleinen Bereiche der nächsten Welt 
und auch hier noch in systematischer Dürftigkeit und pedan⸗ 
tischer Vollständigkeit gepflegt; Mangel endlich an Befähigung, 
einfache Charaktere auf die Beine zu stellen. Statt dessen, 
nicht ohne Anlehnung an den alten Fielding, an Sterne und 
Rousseau, eine schranken⸗ und maßstablos zum Himmel strebende 
Empfindung, Maskierung des Vermögens, real zu sehen, durch 
die Erzeugnisse einer barocken Launenhaftigkeit, und ständige 
Unterbrechung des Ganzen der Erzählung durch tausend Analogie— 
einfälle, die nicht selten einer umfangreichen Zettelkasten⸗Gelehr⸗ 
amkeit verdankt wurden. 
Diese Charakteristik mag heute manchem hart erscheinen. 
Gewiß erhellen sich ihre dunklenSeiten, sobald man Jean Pauls 
Verhältnis nicht so sehr zu dem historischen Orte seines Ur⸗ 
sprunges, wie zu den erst werdenden Mächten der Romantik 
betrachtet, in deren Bereich schon seine literarische Tätigkeit ge⸗ 
fallen ist. Dann mag man in seinem empfindsamen Humor ein
	        
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