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Zweiundzwanzigstes Buch.
hinaus noch immer die populäre Aufklärung, wie sie vor allem
Mendelssohn und Nicolai von Berlin aus unermüdlich ver⸗
traten. Wie es in einer Schrift aus dem Ende des Jahr⸗
hunderts heißt!: „Veinahe wäre jetzt die ‚aphoristische Popular⸗
philosophie durch die kritische Kants verdrängt worden: noch
für diesmal aber siegte der Krebs, der den Herkules in die
Ferse stach.“
Aber diese ausgedehnten Gerinnsel der populären Auf—
klärung durchfloß in den siebziger und achtziger Jahren doch
noch einmal ein Strom tieferer rationaler Lebensweisheit, frei⸗
lich schon gemischt mit Anfängen ganz anderer seelischer und
geistiger Haltung: und über ihm lag das letzte, wehmütig⸗milde
Aufblicken der Sonne eines scheidenden Zeitalters. Berlin ver⸗
lor damit die führende Rolle der Aufklärung, statt dessen wurden
Osnabrück und Göttingen, Wolfenbüttel und Königsberg be—
deutend, und an die Stelle von Nicolai und Mendelssohn traten
Möser und Lichtenberg, Lessing und Kant.
Von ihnen hielt Lichtenberg, wie es einem Vertreter der
Naturwissenschaften der Zeit gebührte, noch am meisten an der
alten Aufklärung fest: mit welchem bösen Witze hat nicht der
bissige und doch wieder gutmütige Satiriker die Männer der
Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges verfolgt und
auch wohl ein wenig gebessert.
Ein Mann von ganz anderer Wirkung war Möser. Für
seine Zeit überaus welterfahren, in der Verwaltung seines
Heimatsstaates erfolgreich tätig, mit England vertraut, in der
Germania des Tacitus daheim wie in der verschlungenen
Territorialgeschichte späterer Zeiten, historisch gebildet bis zu
weiten Übersichten der britischen Kolonisationsgeschichte und
des einsamen Vordringens der Pflanzer Nordamerikas war er
kein Rationalist mehr alten Schlages. Man vergleiche ihn mit
Montesquieu: und man wird sehen, wie er an Stelle von
Syllogismen Anschauungen, an Stelle von Folgerungen Zu—
sammenhänge, an Stelle von Worten Bilder setzt. So war
Leipzig im Profil (1792) S. 13.