Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweiundzwanzigstes Buch. 
war sie darum nicht im Gelehrt-Philologischen stecken geblieben; 
vielmehr hatten sich ihre Wirkungen alsbald, spätestens schon 
seit den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts, auf die ganze 
Breite des geistigen Lebens und namentlich auch auf die 
Dichtung ausgedehnt. 
Jetzt nun, seit etwa den sechziger Jahren, wurde dieser 
Einfluß um so stärker und reiner, als sich die klassische Philo— 
logie aus einer Fertigkeit der Verdolmetschung antiker Schriften 
langsam zu einer wirklichen Altertumswissenschaft umzubilden 
begann. Der deutsche Philologe, der mit am fruhesten zu 
dieser neuen Auffassung hin vermittelte, ohne freilich schon 
ihren vollen Sieg herbeizuführen, war Christian Gottlob Heyne 
aus Chemnitz (1729 - 1812). Im Jahre 1762 nach Göttingen, 
damals bereits einem bekannten Sitze der neuen Renaissance, 
berufen, wurde er schon vermöge seines liebenswürdigen 
Charakters das Haupt einer ganzen Schule von Philologen. 
Er betrieb zunächst, wenn auch ohne viel inneren Anteil, das 
alte Handwerk der Edition und Grammatik; aber selbst seine 
wichtigsten Arbeiten auf diesem Gebiete, die Ausgaben des 
Vergil“ (1767 ff.), des „Pindar“ (1788), der „Ilias“ (1802 ff.), 
sind heute vergessen. Daneben aber nahm er sich immer mehr 
der sogenannten Realien an, insbesondere auch derjenigen der 
Kunst; und so begann er aus der Philologie die moderne 
Wissenschaft der Archäologie abzuzweigen. Ganz aber die 
Philologie in eine Altertumswissenschaft umzuwandeln, war 
Friedrich August Wolf (1759 —1824) vorbehalten. Wolf be— 
gann als Schüler Heynes; Arbeiten in dessen Sinne be— 
förderten ihn rasch auf das philologische Katheder der Uni— 
versität Halle, das er im Jahre 1787 einnahm und erst nach 
zwanzigjähriger Tätigkeit für eine Anzahl von viel weniger frucht— 
baren Lehrjahren mit einem solchen an der Berliner Universität 
vertauscht hat. Wolf kam, angeregt durch die Forschungen 
Herders über Volkslied und Volksgeist, wie sie dem Seelenleben 
des naturalistischen Subjektivismus unmittelbar entsprangen, 
in Untersuchungen über die handschriftliche Überlieferung des 
Homer zunächst zu der Überzeugung, daß der uns vorliegende
	        
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