Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Werthers Leiden“ allein schon bewies es — und hatte auch 
in den folgenden Jahrzehnten noch als die eigentliche seelische 
Haltung der großen Menge geistig Interessierter gelten können: 
nur so erklärt sich das Forthallen des Empfindsamen in den 
Dramen Schillers aus den achtziger Jahren: Amalia, Leonore, 
Luise: nur so die große Beliebtheit der Romane Jean —X 
und der Dramen Kotzebues. Auf dieser breiten Grundlage hatte 
dann schon Sturm und Drang viel weniger ausgedehnte Kreise 
wirklich ergriffen: zu deutlich trat seine Exzentrizität zutage, 
und niemals ist eigentlich ihm gegenüber die Kritik verstummt. 
Sollte nun der neue, aus den Naturalismen von Empfindsam⸗ 
keit und Sturm und Drang herauswachsende Idealismus schon 
früh eine breite soziale Basis zu erwerben geeignet gewesen 
sein? Schon von Natur war er aristokratisch; erzieherisch war 
ferner sein Verhalten gegenüber der Nation; — dazu kam, daß 
ihm von den Zeitgenossen im Grunde ganz nur folgen konnte, 
wer Empfindsamkeit und Sturm und Drang so innerlich mit 
erlebt hatte, wie seine Helden selbst —: und da hätte er als⸗ 
bald weite Kreise erfassen sollen? Selbst die Zahl der Per— 
sonen, die ihn schöpferisch vertraten, war gering, eigentlich 
nur der Kreis der Männer von Weimar und Jena: aber 
freilich in ihm die Dioskuren! 
Indem aber so die Dichter und Denker des Idealismus 
wie krönende Gestalten auf einsamer Höhe und auf sozial gleich— 
sam schmalerer Basis über Empfindsamkeit und Sturm und 
Drang thronten, waren sie frei von der Notwendigkeit, selbst 
als Dramatiker an ein großes Publikum gefesselt zu sein, 
durften sie die deutschen Großstädte meiden, bedurften sie am 
wenigsten der besonderen Luft einer nationalen Hauptstadt. 
Und indem sie an Zahl gering waren, war es möglich, sie 
unter günstigen Umständen selbst räumlich zu vereinigen. 
Diese seltene Gunst der Lage intuitiv ausgenutzt zu haben, 
ist das Verdienst Karl Augusts von Weimar und seiner Mutter 
Anna Amalia. In einer Zeit, da deutsche Fürsten die Ehre 
des Herrschens noch mit dem Verkaufe von Untertanen an 
die Rauflust fremder Staaten beflecken konnten, um den Er—
	        
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