Neue Dichtung.
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ihm den Sinn selbst völlig absprechen. Aber er besaß ein
höchst entwickeltes Gegenwartsverständnis, das ihm nahelegte,
von welcher Bedeutung die persönliche Verbindung mit den
höchsten Trägern des neuen deutschen Lebens für ihn, sein
Land und seinen Hof sein konnte; und er brauchte die Be⸗
rufung dieser Träger auch in seine nächste Nähe nicht zu
scheuen, da er begabt war und gewandt in der Aussprache
hon gut Gedachtem und fein Empfundenem.
Es sind die Eigenschaften, die den fürstlichen Mäcen der
Dichtung vielleicht besser ausmachen als eine unmittelbar
schöpferische oder stark reproduktive Begabung selbst.
Schon kurz nach seiner Thronbesteigung gelang es Karl
August, Goethe und durch Goethe Herder zu gewinnen; früh
schon knüpfte er auch Beziehungen zu Schiller. Schiller wurde
1789 Professor in Jena; Ende 1799, nach dem Weggange
vieler lieben Freunde, zugleich dem Bedürfnisse näheren Ver⸗
kehrs mit Goethe folgend, ist er nach Weimar gezogen.
Welche Verknüpfung von Kräften, wenn auch nur auf
wenige Jahre, bis zum Tode Herders im Jahre 1803 und
Schillers im Jahre 1805! Zwar Herders Charakter versagte
für die Heiterkeit täglichen Gedankenaustauschs; einer jener
in sich zwiespältigen ostpreußischen Charaktere, nicht ohne Eifer⸗
sucht auf Ebenbürtige und Stärkere, hat er schon früh auf
sich das bittere Wort gemünzt: „Mein Frühling schleicht un—
genossen vorüber; meine Früchte waren zu frühreif und un—
zeitig.“ Was aber haben auch nur die Dioskuren für Weimar
und die Welt bedeutet!
Goethe war sechsundzwanzigjährig, als er nach Weimar
kam. Aber reiche Erfahrungen lagen hinter ihm. Kurz nach
dem Erscheinen des „Messias“, im Jahre 1749 geboren, hatte
er vom ersten Tage gleichsam seines Daseins an, ein echtes
Sonntagskind, den Moment erlebt, in dem ein neues Zeit⸗
alter heraufzog. Es war ein Umstand, der seinem Charakter
jene besondere Mischung des Konservativ⸗-Fortschrittlichen an—
erzog, die Vorbedingung großer geistiger Wirkungen ist: er ist
Patriziersohn und Literat gewesen, wie Luther Bauernsproß