Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
und religiöser Agitator, Bismarck Junker und moderner Partei⸗ 
mann: die bittersüße Tragik großer Übergänge hat auch sein 
Leben mit scharfem Geschmacke gewürzt. Aber seine Jugend 
war sonnig und seine frühe Jünglingszeit gar ausgelassen ge⸗— 
wesen: in Leipzig hatte er nicht bloß Rokokoluft bis zum Er— 
lernen zierlichen Schreibens und reinlichen Radierens geatmet, 
er hatte auch frivole Gedichte gemacht, und Liebschaften hatten 
über sehnsüchtige Melancholie bis zu Ausschweifungen geführt, 
die ein Blutsturz beendete. Dann waren ein paar Jahre der 
Frankfurter „Verbannung“ (1768 -1770) gefolgt 
so launisch, wie ein Kind, das zahnt: 
Jahre stiller Sehnsucht nach der Leipziger Grazie Oesers, 
und doch noch viel mehr Jahre ewiger Grübelei und unstetig 
gläubigen Sichstreckens nach vorwärts: bis ein erneuter 
Studienaufenthalt außerhalb der Vaterstadt die Lösung brachte. 
Die wenigen Monate des Straßburger Lebens bedeuten im 
Leben Goethes viel: ein „übermütiger Lord“, noch immer nicht 
innerlich fest, weil innerlich unerzogen, war er in die alte 
deutsche Stadt gezogen: da traf er in Herder zum erstenmal 
jemand, der ihn noch überragte und ihm auch zeigte, daß er 
überlegen war; da griff ihm zum erstenmal die Liebe, die 
wirkliche Liebe, ins Herz. Er ward frei von Mystizismus und 
doch ehrfürchtig; er ward seiner Geliebten untreu und litt 
doch unter dieser Untreue vielleicht mehr als sie: er wurde 
ernst. Und als er nach Frankfurt heimkehrte, da mochte er 
wohl manchem wunderlich erscheinen, wenn er eine glühende 
Sinnlichkeit in unsteten Wandern zwischen Berg und Tal 
löschte, wenn er an fremdem Tische aß und Windsbraut 
und Hagelsturm zu Gespielen nahm: aber er war seiner Be— 
stimmung sicher: 
Den du nicht verlässest, Genius, 
Wirst ihn heben über'n Schlammpfad 
Mit den Feuerflügeln. 
Zwar nahte noch eine letzte Prüfung: der kurze Aufent— 
halt in Wetzlar, die Liebestollheit mit Lotte und Lebens—
	        
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