Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Es war der letzte Begriff, den die psychologische Arbeit 
für die Entwicklung einer subjektivistischen Asthetik zu liefern 
hatte; und längst schon hatte man auf ästhetischem Gebiete 
die individualistisch-metaphysischen Begriffe früherer Zeitalter 
in subjektivistisch-psychologische umzumünzen begonnen. 
Die Asthetik der rationalistischen Zeit hatte als Ziel der 
Kunst die Vollkommenheit, also einen objektiven Zweck, auf— 
gestellt. Diese alte rationalistische Lehre von der Vollkommen— 
heit wurde dann zunächst in die neue, subjektivistische 
Asthetik als eine selbstverständliche Voraussetzung mit herüber— 
genommen und stützte hier die ersten, vor allem auch in der 
praktischen Wendung der Äüsthetik idealistischen Bestrebungen, 
die sich aus dem jugendlichen Streben des neuen Bildungs-— 
zustandes ergaben: die Kunst sollte das äußere Weltbild zu 
jener Vollkommenheit erheben, die, entgegen bisweilen der 
Wirklichkeit, die eingewurzelte Weltanschauung forderte. Doch 
wurde dann allerdings gegenüber der rationalistisch-objekti— 
vistischen Lehre immer mehr ein subjektiver Zweck gesucht: die 
Kunst, hieß es nun, solle ästhetische Gefühle erregen. Und 
schon seit den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts etwa 
begann man sich zu fragen, welche Art des Temperamentes 
hierzu wohl am geeignetesten sei und daher den Künstler, 
insbesondere den Dichter, mache. In den vierziger Jahren, 
man darf es sagen, gipfelte dann eigentlich der ganze Streit 
zwischen den Schweizern und Gottsched! schließlich in der frei— 
lich auf keiner Seite ganz klaren und darum auch nicht zum 
Ziele führenden Absicht beider Parteien, für die dichterische 
Tätigkeit ständige psychologische Voraussetzungen nachzuweisen. 
Indem man nun aber trotz dieser neuen Bestrebungen auch 
am Vollkommenheitsideal inhaltlich noch lange festhielt, kam 
man zunächst zu der Lehre, daß der Zweck der Kunst das 
Vergnügen sei! Und mit der Empfindsamkeit wurde diese 
Lehre verbunden durch die Auffassung, daß die leidenschaft⸗ 
liche Gemütserregung als stärkste Beschäftigung der Vor— 
S. Bd. VII, 1 S. 321 ff.
	        
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