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Zweiundzwanzigstes Buch.
mit den Jahren selbständiger, der Hof, soweit er aus dem
Thüringer Adel bestand, gegen den Frankfurter Patriziersohn
trotz dessen Nobilitierung schwieriger; die Kleinheit der ganzen
Verhältnisse konnte dem nicht verborgen bleiben, der in dem
Gebiete des deutschen Vaters der Flüsse, am verkehrsreichen
Rhein und Main erwachsen war. Erwägt man aber, daß
sich Goethe dem zunehmenden Mißmut durch die italienische
Reise entzog, so mag für den Dichter ein Letztes, Höchstes
hinzugekommen sein. Frauensinn erzog ihn zum Klassizismus:
konnte dieser aber um 1780 voll erlebt werden ohne Ein⸗-, ja
Untertauchen in jener Welt der Antike, die im Lande der
Myrten und Orxangen noch fortzuleben schien? Wiederholt
schon hatte Goethe Italien aufsuchen wollen, das Land, dem
sein Vater die einzigen Erinnerungen verdankte, die ihn be—
geisterten: jetzt hob er sich jählings von dannen und vollzog
wie in einer Nottaufe jenen Bund mit der Antike, der für
den ferneren Verlauf unserer nationalen Dichtung so bedeutsam
geworden ist.
Aber war er nicht auch hierin nur repräsentativ? War
nicht das ganze deutsche Seelenleben reif für einen tiefsten
Einfluß der Alten, hat nicht auch Herder, ja schon Lessing
das Land der Griechen mit der Seele gesucht?
Goethe hatte in Deutschland nicht eben viel von der
antiken Kunst gesehen: Frankfurt hatte ihm nichts geboten,
Leipzig einige Abgusse, Dresden weiteres, das Meiste noch
Mannheim. Besser kannte er die antike Dichtung. Mit welch
innigem Gefühl hatte er Homer studiert, noch ehe Vossens
Übersetzung vorlag, wie war ihm zur Frankfurter Prometheus⸗
zeit Pindar ins Ohr gefallen; wie wurden ihm in Weimarer
Tagen die griechischen Tragiker vertraut! Gleichwohl war
seine Gesamtkenntnis, geschweige denn seine Anschauung bisher
gering. Und nun übergoß es ihn in Italien mit Strömen
von Begeisterung, Gnade und Wiedergeburt! Mit frommer
Erwartung hatte er am Gardasee Einzug gehalten, wo ihm
südliche Winde schon letzte Verse Vergils, letzte Strophen
Properzens entgegentrugen. Und dann war er staunend des