Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

516 Zweiundzwanzigstes Buch. 
romantiker aus ihrer Zeit heraus fragen, ob nicht die Poesie 
auch deswegen die höchste und würdigste aller Künste sein solle, 
weil nur in ihr das Drama möglich sei. 
In der Geschichte des Dramas aber, wir wissen es schon, 
geht die wesentliche und entscheidende Frage nicht auf Art 
und Abhängigkeit des Stoffes und verwandte Dinge, sondern 
auf den Entfaltungsvorgang der Form. Goethe hat einmal 
gemeint, das Was des Kunstwerks interessiere die Menschen 
mehr als das Wie; und er hat recht gehabt. Wenn er aber 
in einem anderen Satze klagt: „Die Frage: woher hat's der 
Dichter, geht auch nur aufs Was; vom Wie erfährt dabei 
niemand etwas“: so soll unsere Erzählung sich des unaus— 
gesprochenen Vorwurfes, der in diesen Worten liegt, nicht 
schuldig machen: eben das Wie der Anderungen und des Um— 
schwungs zu ergründen, ist ihre Aufgabe. 
Was den Klassizismus kennzeichnet, ist vor allem die Tat⸗ 
sache, daß er sich nicht mehr, gleich dem Naturalismus der 
Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges, an die Um— 
welt verliert. Sicherlich ist man sich, und an erster Stelle 
eben Goethe, der allgemeinen Abhängigkeit von der Umwelt 
bewußt. Aber man ist in dieser Anschauung mündig geworden 
und sucht nun diese Umwelt eben aus ihrer genaueren Kenntnis 
heraus zu beherrschen. Eine tiefgehende, weise Bewußtheit der 
Wirklichkeit bis zu einem gewissen Grade, und die freie Indienst— 
stellung dieser Bewußtheit für alle Zwecke der Kunst kennzeichnet 
die Epoche. 
Im Drama hatte das zur Folge, daß man bewußt nicht 
so sehr an Handlungen und Ereignissen, als an Motivationen 
und Erlebnissen als deren tieferem Untergrunde Anteil nahm. 
War im früheren Drama leibliches Sterben der bezeichnendste 
Ausdruck der Katastrophe gewesen, so hielt Goethe davon nicht 
mehr viel; der Verfasser von „Werthers Leiden“ kannte andere 
Qualen und nahm an dem Rohen eines körperlichen Ausgangs 
sogar Anstoß. 
Braucht noch gesagt zu werden, daß diese seelische Haltung 
zu einem völlig neuen Drama drängte? Bei Hans Sachs und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.