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Zweiundzwanzigstes Buch.
weise vertieften Zeichnung der Charaktere eine ungemeine Höhe
psychologischer Schilderungsgabe voraussetzt. Nun kann man,
von den ersten Zeiten des neuen Seelenlebens an, eben diese
Gabe machtvoll wachsen sehen von der einfachen Beobachtung
einzelner Tatsachen und der gleichsam statistischen Aufzeichnung
charakteristischer Außerungen bis zur Virtuosität zusammen⸗
hängender psychologischer Motivierung und abgerundeter
Charakterzeichnung: und es versteht sich, daß Goethe das all⸗
gemein gewachsene Vermögen persönlich noch um ein Be—
deutendes überholte. Indem nun dies Verfahren angewandt
wurde, hörte die grobe Selbstcharakteristik der Personen bei—
nahe ganz auf, wie sie früher mehr noch auf die äußere
Phantasie als auf das Herz des Zuschauers gewirkt hatte; man
forderte tiefere und bei weitem mehr differenzierte Illusionen,
und der Dichter hatte das Gemüt durch das gleichsam Un—
bewußte, durch den Empfindungszusatz der Handlungen zu
treffen. Es war eine schwere Kunst, die eine ganz neue
Sprache erforderte, wie sie eben Goethe in vollendeter Meister⸗
schaft gebildet hat; und ihr Ergebnis war ein neues drama—
tisches Element, die über dem Drama als Gesamtwerk hin⸗
gelagerte einheitliche Stimmung. Es ist der Punkt, in dem
das psychologische Drama am weitesten der Entwicklung des
Musikdramas des 19. Jahrhunderts entgegengekommen ist.
Von Goethe müssen, fieht man von dem Riesenbau des
„Faust“ ab, der wie die Kathedralen des Mittelalters ver⸗
schiedenen Zeiten und Stilen angehört, in diesem Zusammen—
hange vor allem, Egmont“, „Iphigenie“ und „Tasso“ genannt
werden.
„Egmont“, schon 1775 in den Gefichtskreis Goethes ge—
treten, ist erst 1787 in Italien vollendet worden: eine Jugend⸗
konzeption reicht er hinein in die Mannesjahre, und so bleibt
in ihm die Lösung der Probleme des psychologischen Dramas
noch unvollkommen. Das Bezeichnende ist, daß der Dichter
in diesem Drama der Transzendenz noch nicht völlig entwächst.
Gegenüber dem gemeinen Gange der Dinge nimmt er noch
eine besondere Kraft aus der Hoöhe an, die sich außergewöhn—⸗