Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

518 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
weise vertieften Zeichnung der Charaktere eine ungemeine Höhe 
psychologischer Schilderungsgabe voraussetzt. Nun kann man, 
von den ersten Zeiten des neuen Seelenlebens an, eben diese 
Gabe machtvoll wachsen sehen von der einfachen Beobachtung 
einzelner Tatsachen und der gleichsam statistischen Aufzeichnung 
charakteristischer Außerungen bis zur Virtuosität zusammen⸗ 
hängender psychologischer Motivierung und abgerundeter 
Charakterzeichnung: und es versteht sich, daß Goethe das all⸗ 
gemein gewachsene Vermögen persönlich noch um ein Be— 
deutendes überholte. Indem nun dies Verfahren angewandt 
wurde, hörte die grobe Selbstcharakteristik der Personen bei— 
nahe ganz auf, wie sie früher mehr noch auf die äußere 
Phantasie als auf das Herz des Zuschauers gewirkt hatte; man 
forderte tiefere und bei weitem mehr differenzierte Illusionen, 
und der Dichter hatte das Gemüt durch das gleichsam Un— 
bewußte, durch den Empfindungszusatz der Handlungen zu 
treffen. Es war eine schwere Kunst, die eine ganz neue 
Sprache erforderte, wie sie eben Goethe in vollendeter Meister⸗ 
schaft gebildet hat; und ihr Ergebnis war ein neues drama— 
tisches Element, die über dem Drama als Gesamtwerk hin⸗ 
gelagerte einheitliche Stimmung. Es ist der Punkt, in dem 
das psychologische Drama am weitesten der Entwicklung des 
Musikdramas des 19. Jahrhunderts entgegengekommen ist. 
Von Goethe müssen, fieht man von dem Riesenbau des 
„Faust“ ab, der wie die Kathedralen des Mittelalters ver⸗ 
schiedenen Zeiten und Stilen angehört, in diesem Zusammen— 
hange vor allem, Egmont“, „Iphigenie“ und „Tasso“ genannt 
werden. 
„Egmont“, schon 1775 in den Gefichtskreis Goethes ge— 
treten, ist erst 1787 in Italien vollendet worden: eine Jugend⸗ 
konzeption reicht er hinein in die Mannesjahre, und so bleibt 
in ihm die Lösung der Probleme des psychologischen Dramas 
noch unvollkommen. Das Bezeichnende ist, daß der Dichter 
in diesem Drama der Transzendenz noch nicht völlig entwächst. 
Gegenüber dem gemeinen Gange der Dinge nimmt er noch 
eine besondere Kraft aus der Hoöhe an, die sich außergewöhn—⸗
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.