Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung.

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Tatsache, daß im Grunde jederlei Renaissancedrama mit dem
Fluche des Mechanischen belastet ist. Denn da seine Glieder
gleichsam nicht organisch aus einem bestimmten Kulturzustande
erwachsen, sondern durch Zusammenleimen vereinzelter Stücke
einer vereinzelten Überlieferung in eins gebracht werden, so
entgeht ihm die letzte Wahrheit des Augenblickes, die höchste
ooetische Notwendigkeit.
Wie anders steht doch in dieser Hinsicht „Tasso“ der
„Iphigenie“ gegenüber! Jetzt hatte Goethe das Land der
Griechen gefunden, durchstreift, heimatlich angebaut: und er
war sich bewußt geworden, daß ihm sich aus seinem unendlichen
Reichtum völlig nun aufleben könne, was er sich vollkommen an—
geeignet. Damit stellte sich dann, bei einem nicht antiken Stoffe
zumal, wiederum eigene Kraft und Fülle ein. Wie klar wurde
schon das Thema erfaßt: der überempfindliche Dichter erfährt
in einer Umgebung, die seelisch zu fein organisiert ist, um ihm
mit voller erzieherischer Festigkeit entgegenzutreten, den Bruch
seiner Lebenskraft. Und wie unerbittlich wirkt das dem Dichter
eingeborene Fatum! Hier, wenn je für Goethe, galt das Wort
Mercks schon aus dem Jahre 1775: „Dein Bestreben, deine un⸗
ablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt
zu geben.“ Und wie gelang die Ausprägung dieser Gestalt
und dieses Schicksals auch äußerlich! Nie vielleicht hat Goethe
schönere Verse geschrieben, nie seine Sprache verständnisvoller
individualisiert: und die Personen leben vor unseren Blicken.
Im ganzen darf man wohl sagen, daß eben das psycho⸗
logische Dramg Goethes eigentlichste Domäne gewesen sei. Den
Anforderungen dieses Dramas entsprach seine Beobachtungs⸗
gabe der Personen, die mehr aufs Beschauliche, innerlich Be—
wegte, als auf das Pathetisch-Leidenschaftliche ging, weshalb
seine Männergestalten leicht zu weich, seine Frauengestalten um
so frischer, mannigfalter, lebensvoller gerieten. Diesen An⸗
forderungen kam auch die Erscheinung zugute, daß bei Goethe
das Lyrische und Epische aus der dramatischen Synthese immer
und immer wieder hervortrat: darum kam fast ein Zug des
Sittengemäldes in die Durchführung, und die Gestalten wirkten,
            
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