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Zweiundzwanzigstes Buch.
Goethischer Lyrik folgend, ein wenig ins Typische. Alledem
gab dann schließlich die Sprache die Weihe eines inneren,
charaktervollen Zusammenhanges. Man hat wohl gemeint,
das psychologische Drama Goethes wirke auf der Bühne nicht,
weil seine Sprache dem Schauspieler schon zu viel vorweg
nehme. Und gewiß stehen Goethes Verse im entschiedenen
Gegensatze zu der Sprache etwa der Schauspieler-Dichter
Shakespeare und Moliöre, die, vom Standpunkte des Schau—
spielers aus betrachtet, besser wußten, was der Bühne zu
überlassen war. Aber gibt es denn nur eine Schauspielkunst?
Goethes seelenvolle Verse, in ihrer eigenen Musik vorgetragen,
mögen auch typische Empfindungen wecken: daß sie den drama⸗—
tischen Eindruck schwächen, wird heute, in einer Zeit mehr
durchgebildeten psychologischen Dramas, wohl niemand be—
haupten wollen.
Eines aber steht nach alledem fest: für den zweiten der
Dioskuren, Schiller, war das psychologische Drama weit
weniger geschaffen. Wo blieben denn in ihm Tathandlung,
wo Furcht und Schrecken in deren Wortbedeutung, wo
Leidenschaft und „der Menschheit große Gegenstände“ in Auf—⸗
ruhr und Staatsaktion, im Kriegslager und in der Kammer
des Geheimen Rates? In der Tat kann nur ein seiner Ent—
stehung nach ziemlich isoliertes Stück Schillers, der „Don
Carlos“, dem psychologischen Drama zugerechnet werden.
Schiller hat am „Don Carlos“ überaus lange gearbeitet,
mindestens fünf Jahre: der erste Entwurf geht noch in die
Bauerbacher Zeit zurück. Wirklich zur Rundung, kam der Stoff
erst in den Jahren 1785-86: also zur selben Zeit etwa, da
Goethe die schönsten seiner psychologischen Dramen abschloß.
Damals wurde Schiller durch das Studium der Geschichte zu
tieferem psychologischen Grübeln angeleitet: und so waren es
nicht mehr die Taten des Helden, die ihn fesselten, sondern
die „Annalen seiner Verirrungen“: diese „aus der unveränder⸗
lichen Struktur der menschlichen Seele“ und aus den ver—
üänderlichen Bedingungen der Umgebung abzuleiten erschien ihm
als wichtigste Aufgabe der Seelenforschung.