Neue Dichtung.
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Was aber ist das Drama anders als konkret⸗künstlerische
Anwendung der Psychologie? Und so belebte sich der „Don
Carlos“ mit Zügen, die den früheren Dramen Schillers fremd
geblieben waren: die Charaktere wurden tiefer gezeichnet, vor
allem auch die Frauen erhielten fast zum erstenmal etwas Lebens⸗
echtes, so die Königin, die Eboli; und unter diesem Bestreben
wurde auch die Umwelt genauer erschaut, Einzelzüge traten her⸗
vor, und selbst die Sprache erschien nach Gestalt und Umstand
gemodelt. Was aber vielleicht noch charakteristischer ist: selbst
ein Stimmungsmoment von ziemlich durchgehender Bedeutung
wurde gewonnen: neben dem späteren Hohenlied der Gatten⸗
treue, „Fidelio“, läßt sich , Don Carlos“ wohl als das drama⸗
tische Hohelied entsagender Frauen⸗ und edelster Freundesliebe
bezeichnen. Es ist ein schwärmerischer Zug der Motivierung,
der damit die Handlung durchzieht; und wenn Posa seine
politischen und religiösen Forderungen vorträgt, so mag man
wohl noch weiter an die rührenden Töne der Gefangenenklage
im „Fidelio“ erinnert werden: erfüllen will Posa, auf Freund⸗
schaft gestützt, was jene Unglücklichen des spanischen Kerkers
ersehnen, und mehr als das: brechen will er die geistigen und
zeitlichen Schranken seines Zeitalters. Es sind Bestrebungen,
die das Schicksal, das bisher von Schiller im Grunde noch
immer tranfzendent gedacht war, der Handlung immanent ein⸗
schreiben, wenn auch dessen Ausgang noch über das Stück
hinaus gleichsam in die Zukunft projiziert ers cheint: der Infant
hat die leidenschaftliche Liebe zu seiner Mutter überwunden
ind würde jetzt, wenn körperlich frei, so auch frei von jeder
sterblichen Begierde“ sein Leben höchster geistiger Tat, der
Freiheitsrettung der flandrischen Provinzen, weihen.
War aber Schiller mit alledem, mit allen Fortschritten
and Feinheiten des „Don Carlos“, schon zu den lichten Höhen
gedrungen, auf denen zu gleicher Zeit Goethe bereits wandelte?
Muhsam erst und auf ganz anderen Lebenswegen als Goethe
hat Schiller die Freiheit der Lebensführung, die Weite des
Horizontes und die Ausdehnung des Denkens errungen, die
—F