Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Was aber ist das Drama anders als konkret⸗künstlerische 
Anwendung der Psychologie? Und so belebte sich der „Don 
Carlos“ mit Zügen, die den früheren Dramen Schillers fremd 
geblieben waren: die Charaktere wurden tiefer gezeichnet, vor 
allem auch die Frauen erhielten fast zum erstenmal etwas Lebens⸗ 
echtes, so die Königin, die Eboli; und unter diesem Bestreben 
wurde auch die Umwelt genauer erschaut, Einzelzüge traten her⸗ 
vor, und selbst die Sprache erschien nach Gestalt und Umstand 
gemodelt. Was aber vielleicht noch charakteristischer ist: selbst 
ein Stimmungsmoment von ziemlich durchgehender Bedeutung 
wurde gewonnen: neben dem späteren Hohenlied der Gatten⸗ 
treue, „Fidelio“, läßt sich , Don Carlos“ wohl als das drama⸗ 
tische Hohelied entsagender Frauen⸗ und edelster Freundesliebe 
bezeichnen. Es ist ein schwärmerischer Zug der Motivierung, 
der damit die Handlung durchzieht; und wenn Posa seine 
politischen und religiösen Forderungen vorträgt, so mag man 
wohl noch weiter an die rührenden Töne der Gefangenenklage 
im „Fidelio“ erinnert werden: erfüllen will Posa, auf Freund⸗ 
schaft gestützt, was jene Unglücklichen des spanischen Kerkers 
ersehnen, und mehr als das: brechen will er die geistigen und 
zeitlichen Schranken seines Zeitalters. Es sind Bestrebungen, 
die das Schicksal, das bisher von Schiller im Grunde noch 
immer tranfzendent gedacht war, der Handlung immanent ein⸗ 
schreiben, wenn auch dessen Ausgang noch über das Stück 
hinaus gleichsam in die Zukunft projiziert ers cheint: der Infant 
hat die leidenschaftliche Liebe zu seiner Mutter überwunden 
ind würde jetzt, wenn körperlich frei, so auch frei von jeder 
sterblichen Begierde“ sein Leben höchster geistiger Tat, der 
Freiheitsrettung der flandrischen Provinzen, weihen. 
War aber Schiller mit alledem, mit allen Fortschritten 
and Feinheiten des „Don Carlos“, schon zu den lichten Höhen 
gedrungen, auf denen zu gleicher Zeit Goethe bereits wandelte? 
Muhsam erst und auf ganz anderen Lebenswegen als Goethe 
hat Schiller die Freiheit der Lebensführung, die Weite des 
Horizontes und die Ausdehnung des Denkens errungen, die 
—F
	        
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