Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Schiller, 1759 geboren, war fast genau zehn Jahre jünger 
als Goethe; seinem Erleben fehlten damit die Anfänge des 
neuen Zeitalters, und seine Empfindsamkeit hat immer etwas 
Abgeleitetes behalten; ganz gehörten zu seinem Eigen erst die 
Erfahrungen von Sturm und Drang. Das Kind war zart; 
bei Krankheiten des jugendlichen Alters traten krampfhafte 
Zufälle auf; stark erwies sich von vornherein nur der Wille. 
Der aber war alsbald dem Idealen zugewandt: Pfarrer wollte 
der Knabe werden; schon übte er eine unzweifelhafte aber 
aunproportionierte Gabe der Rhetorik in kindlichen Predigten, 
und seine ersten Gedichte waren halbgeistlichen Inhalts. Als 
aber der Knabe zum Jüngling heranwuchs, griff eine rauhe 
Hand in alle Träume. Der Herzog Karl Eugen von Württem⸗ 
berg, der nach einer verzweifelten ‚Lebensgaloppade“ mehr in 
sich gegangen war, hatte zur Erziehung talentierter Landes— 
kinder eine Akademie gegründet, der wurde Schiller nach der 
Konfirmation einverleibt, um erst zum Juristen, dann zum 
Mediziner gebildet zu werden. Von persönlicher Lebens— 
bestimmung war dabei nicht die Rede; in dieser Schule, die 
Schubart Seelenfabrik oder Seelenplantage zu nennen pflegte, 
gab es bei allem jenem Wohlwollen, das den, den es liebt, 
züchtigt, weder Privatarbeitszeit, noch Ferien, noch geregelten 
Urlaub; und der briefliche Verkehr der Zöglinge mit den 
Eltern unterlag der Überwachung. 
Da saß nun Schiller acht Jahre und genoß den Anschauungs-⸗ 
unterricht jenes Lebens der Fürsten, der „Erdengötter“, das 
seine ersten Dramen an den Pranger stellen sollten, und unter 
härtestem Zwang nur regte sich in ihm der Genius. 
Ende 1780 wurde der Zögling entlassen und in Stutt⸗ 
gart mit einem Bettelgehalt zum Medikus eines stadtkundlich 
verlotterten Regiments bestellt. Es war trotz allem eine Be— 
freiung, die nicht bloß lösend, die fast zersetzend wirkte. Dahin 
ging der Kindesglaube: 
Nicht in Welten, wie die Weisen träumen, 
Auch nicht in des Pöbels Paradies, 
Richt in Himmeln, wie die Dichter reimen: —
	        
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