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Zweiundzwanzigstes Buch.
suchen, das er sich von ihr geschaffen hat; und mit bewußter
Geisteskraft wird er nach ihm ringen. Demgemäß erscheinen
die Realisten als naive Dichter, da sie die Natur sind, die
Idealisten dagegen als sentimentalische, da sie diese suchen.
Die größeren Dichter aber sind die sentimentalischen Idea—
listen: denn der naive Realist kann in seiner Art eine gewisse
endliche Vollkommenheit so gut wie absolut erreichen: der
sentimentalische Dichter dagegen, der nach einem niemals ganz
erreichbaren Ideale strebt, wird eben durch sein nie ermattendes
Annäherungsbestreben an eine unendliche Größe ständig höher
zehoben.
Nun ist klar, daß Schiller in diesen Ausführungen nicht sich
und Goethe charakterisiert hat: denn wann gingen Charaktere
jemals völlig im Typus auf? Aber daß ihn der Unterschied
der beiden Charaktere in seinen Beobachtungen mit geleitet
hat, ist nicht zu leugnen. Und so wird man eben an der
Hand seiner Ausführungen zur weiteren Einsicht über die beider⸗
seitigen Übereinstimmungen und Gegensätze gelangen.
In der Tat hatte Schiller vieles vom sentimentalischen
Dichter. Er strebte ohne Unterlaß hinaus in die Welt der Ideale;
und so waren es nicht allzuviele, aber eben die größten Probleme
des Menschenlebens, die ihn beschäftigten. Nicht zum mindesten
aus diesen Zusammenhängen heraus ist er zum Dramatiker
geworden, zum Dichter der Tat, während Goethe, mehr episch
und lyrisch angelegt, vor allem als Dichter eines verwickelteren
Innenlebens, als Dichter des Gemütes gelten darf. Ja bei
Schiller kann es geschehen, z. B. in der Besprechung von
Matthissons Dichtungen, daß er die Kunst auf den Menschen
als ihren einzigen Gegenstand einschränkt. Und so versenkte
er sich denn nicht in das volle, warme Element der Dinge,
sondern haftete gleichsam an deren idealem Umriß: bis ihm,
unversöhnlich in sich, der große Gegensatz von Natur und
Geist heraussprang. Dabei war ihm der Geist die hohe sitt—
liche Idee und, menschlich gefaßt, der energische klare Wille.
Dieser aber erscheint ihm als Herrscher über die Natur: „es
st der Geist, der sich den Körper baut.“