Neue Dichtung.
541
Mit diesen Sätzen stehen wir an dem Urquell des Idea—
lismus Schillers; die Idee der Suprematie des Willens hat
der Dichter selbst in Sätzen wie dem folgenden ausgedrückt,
daß es schönstes Ziel des Menschen sei, „der Mechanik seinen
Natur nach Gefallen mitzuspielen und das Uhrwerk empfinden
zu lassen, daß ein freier Geist seine Räder treibt“. Und in
Leben und Sterben hat er diesen Satz mit seinem Blute be—
siegelt. Es ist der Zusammenhang, aus dem her Goethe später
äußern konnte, durch alle Werke Schillers sei die Idee der
Freiheit gegangen.
Wie anders Goethe selbst! In einem Briefe an Schiller
hat er sein Talent eine Naturkraft genannt, die, wie sie sich
selbst bilden muß, auch aus sich selbst und auf ihre eigene
Weise wirke. Klingt das nicht fast wie eine Definition des
naiven Dichters? So versteht es sich, daß Goethe einen
Unterschied zwischen Geist und Natur im Grunde nicht kannte:
Geist und Natur sind eines nur. Und als höchstes Ziel mensch—
licher Bildung und Kunst erschien es ihm, das Bewußtsein der
allumfassenden Bedeutung einer durchgeistigten Natur zu fördern
und ungetrübt fortzupflanzen:
Am Sein erhalte dich beglückt!
Ist das nicht zugleich die vollständige Absage an eine Welt—
anschauung und ein Temperament, wie diejenigen Schillers?
Dennoch gab es, in ideglistischer Richtung von der Natur
her, Vereinigungspunkte höchster Art, in denen die Dichter
sich ausglichen und zu höchstem Schaffen trafen.
In jenem Briefe zu Goethes Geburtstage im Jahre 1794,
mit dem Schiller Goethes Herz gewann, sagt er ihm: „Sie
suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf
dem schwersten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich
wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen,
um über das einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer
Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das
Individuum auf .... Wären Sie als ein Grieche, ja nur
als ein Italiener geboren worden, und hätte schon von der