Neue Dichtung.
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als Glück der Gegenwart eine nimmer ermattende gegenseitige
Befruchtung.
Wie treten doch demgegenüber die Tätigkeiten zurück, in
denen wir die Dichter nach 1794 nun auch äußerlich vereint
sehen: sie geben Zeitschriften mehr oder minder gemeinsam
heraus; sie stellen in den „Xenien“ ihre besonderen Standpunkte
innerhalb der literarischen Bewegung Deutschlands gegen Freund
und Feind gleich gerecht, wenn auch nicht ohne gelegentlich
verletzende Offenheit fest; sie nehmen sich des Weimarschen
Theaters an, wobei bezeichnenderweise Goethe das Anschauliche
von der Wahl der Kulissen bis zur Harmonisierung der Ge—
bärden der Schauspieler, Schiller das Rhetorische und damit
nach seiner Übersiedlung nach Weimar die Leseprobe zufällt.
Wichtiger ist, daß früh schon und allmählich immer innerlicher
eine Belebung der beiderseitigen Schaffenskraft eintrat, die recht
eigentlich den Gipfelpunkt der neuen Freundschaft bezeichnete;
ohne Bedenken kann man für Goethe einige Jahre gegen den
Schluß des 18. Jahrhunderts als die herrlichsten und frucht—
barsten seines Lebens herausheben; und Schiller hat von der
Arbeit am „Wallenstein“ ab bis zu seinem frühen Tode eine
heinahe unglaubliche Schöpferkraft entfaltet: 1798 „Wallen⸗
steins Lager“, 1799 ,Die Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“,
1800 „Maria Stuart“, 1801 „Die Jungfrau von Orleans“,
1803 „Die Braut von Messina“, 1804 „Tell“, 1804 auf 1805
Demetrius“.
In welchem Grade diese dichterische Gemeinschaft hob,
zeigt aber wohl nichts besser als der Fortschritt in der Lyrik
Schillers. War Schiller bis dahin überwiegend rhetorisch zu—
fahrend und aus zu leidenschaftlicher Art des Fühlens stimmungs-
los, so war fast alles schon, was die „Horen“ von 1795 und
der „Musenalmanach“ des Jahres 1796 von ihm brachten, von
tiefster Stimmung, ruhig und abgeklärt. Ja auch in Gedichten
stark persönlichen Gepräges, wie den „Idealen“, näherte er sich
typisierender Meisterschaft: wie sehr sind die „Ideale“ fast der
allgemeine Ausdruck einer rührenden Klage um die verlorene
Jugend: Goethe war darum von dem Gedichte besonders er—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 35