Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
543 
als Glück der Gegenwart eine nimmer ermattende gegenseitige 
Befruchtung. 
Wie treten doch demgegenüber die Tätigkeiten zurück, in 
denen wir die Dichter nach 1794 nun auch äußerlich vereint 
sehen: sie geben Zeitschriften mehr oder minder gemeinsam 
heraus; sie stellen in den „Xenien“ ihre besonderen Standpunkte 
innerhalb der literarischen Bewegung Deutschlands gegen Freund 
und Feind gleich gerecht, wenn auch nicht ohne gelegentlich 
verletzende Offenheit fest; sie nehmen sich des Weimarschen 
Theaters an, wobei bezeichnenderweise Goethe das Anschauliche 
von der Wahl der Kulissen bis zur Harmonisierung der Ge— 
bärden der Schauspieler, Schiller das Rhetorische und damit 
nach seiner Übersiedlung nach Weimar die Leseprobe zufällt. 
Wichtiger ist, daß früh schon und allmählich immer innerlicher 
eine Belebung der beiderseitigen Schaffenskraft eintrat, die recht 
eigentlich den Gipfelpunkt der neuen Freundschaft bezeichnete; 
ohne Bedenken kann man für Goethe einige Jahre gegen den 
Schluß des 18. Jahrhunderts als die herrlichsten und frucht— 
barsten seines Lebens herausheben; und Schiller hat von der 
Arbeit am „Wallenstein“ ab bis zu seinem frühen Tode eine 
heinahe unglaubliche Schöpferkraft entfaltet: 1798 „Wallen⸗ 
steins Lager“, 1799 ,Die Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“, 
1800 „Maria Stuart“, 1801 „Die Jungfrau von Orleans“, 
1803 „Die Braut von Messina“, 1804 „Tell“, 1804 auf 1805 
Demetrius“. 
In welchem Grade diese dichterische Gemeinschaft hob, 
zeigt aber wohl nichts besser als der Fortschritt in der Lyrik 
Schillers. War Schiller bis dahin überwiegend rhetorisch zu— 
fahrend und aus zu leidenschaftlicher Art des Fühlens stimmungs- 
los, so war fast alles schon, was die „Horen“ von 1795 und 
der „Musenalmanach“ des Jahres 1796 von ihm brachten, von 
tiefster Stimmung, ruhig und abgeklärt. Ja auch in Gedichten 
stark persönlichen Gepräges, wie den „Idealen“, näherte er sich 
typisierender Meisterschaft: wie sehr sind die „Ideale“ fast der 
allgemeine Ausdruck einer rührenden Klage um die verlorene 
Jugend: Goethe war darum von dem Gedichte besonders er— 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 35
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.