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Zweiundzwanzigstes Buch.
griffen, denn er fühlte die Verwandtschaft mit seiner Art. Vor
allem aber wurde Schiller jetzt der Meister des philosophischen
Gedichtes, und in einzelnen Fällen gelang ihm die Durch—
dringung gedankenschweren Stoffes mit höchster Form aufs
vollkommenste. Nirgends wohl mehr als in dem „Liede von
der Glocke“: hier gehen eindrucksvolle und deutliche Darstellung
der Handlung und sinnvolle Betrachtung des individuellen und
sozialen Lebens in einer Harmonie zusammen, der absichtlicher
Tiefsinn und verwickelter Schwulst gleich fern stehen; und
nirgends vielleicht wird darum die innerliche Zucht der Lyrik
Goethes sichtbarer.
Goethes Lyrik selbst aber hatte inzwischen einen Zug
erhalten, der sie von der gleichsam persönlichen Typik der
früheren Periode entfernte. Was diese frühere Zeit aus—
gezeichnet hatte, war das persönliche Erlebnis gewesen und
dessen Mitteilung zwar in verallgemeinerter Form, aber doch
in so lebensvoller Darstellung der sozusagen bloßen lyrischen
Existenz bei ungemeiner Schärfe des Sehens, daß gerade in
dieser Hinsicht ein Anschluß fast schon an die impressionistische
Dichtung einer weit späteren Zeit erreicht wurde. Jetzt dagegen
trat das persönliche Erlebnis mehr zurück oder verflüchtigte
sich zu allgemeinsten Formen, und dem folgte auch die innere
Form, in dem sie in blasseren Farben atmete. So sind z. B.
schon Gestalten wie die Mignons oder die des Harfners gewiß
Verkörperungen des lyrischen Bedürfnisses des Dichters und
ihre Gesänge Erzeugnisse höchster Kunst, dennoch aber tritt in
diesen die rein persönliche Note bereits zurück. Weit mehr aber
ist das bereits in den „Der Geselligkeit gewidmeten Liedern“
der Fall, die Goethe im Jahre 1804 erscheinen ließ. Auch
hier ist die Kunst von vollendeter Reife, aber an Stelle des
Erlebnisses tritt die Phantasie, die Gestalten verobjektivieren
sich gleichsam, und das Gebilde nähert sich epischer Empfindung,
oweit sich nicht selbst schon Allegorisches aufdrängt.
Eben dieser Zug zum Epischen, von vornherein Objektiven
ist nun für den Dichter, dessen Leben sich jetzt um die fünf—
ziger Jahre bewegt, charakteristisch. Der erzählende Zug, einer