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Zweiundzwanzigstes Buch.
Charakteristik gezeichnet, üuber die der Dichter noch niemals sonst
geboten hatte.
Aber es war ein besonderer Stoff, der eben diesmal diese
Lösung ermöglichte. Wie im übrigen um diese Zeit, und schon
früher Schiller das Schicksal faßte, das ergibt sich wohl am
besten aus den erhaltenen Nachrichten über „Die Braut in
Trauer“, ein Drama, das einen zweiten Teil der „Räuber“
bilden sollte, aber niemals ausgeführt worden ist. Was uns
aus ihnen entgegentritt, ist ein absoluter Determinismus bei—
nahe transzendenten Charakters im alten Sinne der Trans⸗
zendenz: der Geist des alten Moors und Franzens erscheinen
deutlich als Dämonen der Rache.
Er war zur selben Zeit etwa, da Tieck in seinem „Karl
don Berneck“ das Ritterdrama in die Bahnen des Schicksals⸗
dramas hinüberlenken half. Und in der Tat: bedingen sich
nicht stärkerer Determinismus und typischere Zeichnung der
Gestalten bis hin zum Symbolischen, wie sie zunächst der
Klassizismus anstrebte, gegenseitig — und führen sie nicht zu—⸗
gleich über ins Lager der Romantik?
Nach der „Jungfrau von Orleans“ hat Schiller in der
„Braut von Messina“ den scharfen antiken Determinismus,
wenn nicht geradezu aufgenommen, so doch als entscheidendes
Vorbild befolgt.
Ähnlich wie die europäische Völkerfamilie von heute aus
dem gebundenen Seelenleben ihres Mittelalters in dem
Christentum dieser Zeit eine Weltanschauung mit in die neueren
Zeiten hinübergenommen hat, die das Schicksal abhängig denkt
vom unbegreiflichen Einflusse höherer Gewalten, so hatten
sich auch die Griechen aus ihrem Mittelalter bis in Zeiten
hoher Kultur hinein eine Schicksalsidee erhalten, die bei allem
Unterschiede vom Christentum des 8. bis 16., aber auch noch
des 16. bis 18. Jahrhunderts, doch mit diesem in der Vor—
stellung eines transzendenten Eingreifens göttlicher Kräfte in das
Menschenschicksal übereinstimmt. Nun erscheint allerdings diese
Idee innerhalb der Gruppe der großen griechischen Tragöden
cein eigentlich nur noch bei Aeschylus, stark gemildert dagegen