Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

300 Zweiundzwanzigstes Buch.

„Doelenstücken“, das Einzelbildnis hervor in der machtvollen
Ausgestaltung eines Rubens und van Dijk, eines Hals und
Rembrandt.
Und diese Bildnisse unterschieden sich von denen des
—DDD
wohlgeleiteten Lichts, in das flimmernde Farbenleben des Innen⸗—
raums, die vornehme silbrige Tonwelt etwa van Dijks oder
das warme goldige Lichtmilieu Rembrandts, nicht bloß das
Wesen des Dargestellten herausarbeiteten, sondern auch die
besondere Stimmung: wie strahlt es nicht aus den zahlreichen
Selbstbildnissen Rembrandts wider bald von jauchzendem Glück,
bald von herber Enttäuschung; es ist als sähe man die selbe
Natur im launischen Wechsel der Jahreszeit.
Das Bildnis war damit jetzt frei geworden, so weit es
aicht impressionistischen Versuchen unterworfen wurde — und
auch hierzu finden sich schon Anfänge bei Hals. Aber machte
die Porträtkunst darum von nun ab noch eigentliche kunst⸗
geschichtliche Fortschritt? Das spätere Barock schuf das
Repräsentativbild mit schwer fallendem Vorhang, Säulen—
stellung und würdevoll purpurnem Ton, das Rokoko das
frivole Vollporträt zarter Frauen in mehr oder minder mangel—
hafter Bekleidung unter dem Namen irgendwelcher Nymphe
oder Göttin: im ganzen aber verfiel die Kunst des Bildnisses.
Denn eine fürstlich-höfische Kultur herrschte, und das gute
Bildnis ist ein intimes Kunstwerk; Intimität aber war in diesen
Zeiten ein wesentliches Merkmal bürgerlicher Verhältnisse.
Es war der sozialgeschichtliche Grund, warum mit Senti—
mentalität und Sturm und Drang eine neue Porträtkunst ein—
setzen konnte. Freilich: das deutsche Bürgertum dieser Zeit
war noch nicht wohlhabend; und ärmlich begann darum die
neue Entwicklung. Wir kennen schon die Zeichnungen Chodo—⸗
wieckis. Daneben stellte sich die Miniatur auf Pergament und
Porzellan, noch ein Erbteil der höfischen Kunst des Rokokos,
nun bürgerlich abgewandelt. Auch der Kupferstich war beliebt.
Das eigentlich bezeichnende Kunstwerk dieser ersten Periode
eines neuen bürgerlichen Bildnisses aber ist der Schaͤttenriß,
            
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