Neue Weltanschauung
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verschmolzen, von keinem so fruh auf das Niveau des neuen
psychologischen Verständnisses gehoben, von keinem alsbald so
wirkungsvoll als Glaubensbekenntnis einer neuen Zeit an—
schaulich gefaßt und weithin verkündet worden als von Herder.
Herder ist recht eigentlich der Herold dieser ersten großen Welt—
anschauung des Subjektivismus; und in der Anregung zu ihr
hin, in der klärenden Wirkung dieser Anschauung zugleich in
ihm selbst hat seine geschichtliche Mission bestanden.
Herder war nicht eben ein systematischer Kopf, so wenig
wie er ein konsequenter Durchführer gefaßter Pläne war; alle
seine größeren Arbeiten sind Bruchstücke geblieben. Aus kleinen
Verhältnissen hervorgegangen — er ist am 25. August 1744
als Sohn eines armen Glöckners und Elementarlehrers zu
Mohrungen in Ostpreußen geboren — hatte er sich in selbst—
sicherem Drange früh als zum Prediger berufen erkannt; und
ein Virtuos der Rede, mit allen rhetorischen Mitteln die Klar—
heit des Gedankens und das Helldunkel der begleitenden
Empfindung zugleich beherrschend, ist er zeitlebens Redner, sei
es als Prediger, sei es als Schriftsteller, geblieben. In
Königsberg, wo er Theologie studierte, wurde er vor allem
von Hamann, dem „Magus des Nordens“, antirationalistisch
beeinflußt; insbesondere ist Hamanns stark entwickelter histo—
rischer Sinn auf ihn übergegangen und mit ihm dessen Haupt-—
probleme, besonders das Problem des Lebens. Rechnet man
dazu, daß Herder in diesem Zusammenhange auch, wohl zum
erstenmal, der Frage der Entstehung und der geschichtlichen
Bedeutung der Dichtung Aufmerksamkeit geschenkt hat, so darf
man vielleicht sagen, daß der Einfluß Hamanns der stärkste
gewesen ist, den Herder jemals von einer einzelnen Person
erfahren hat. Außerdem aber wurde Herder während der
Königsberger Zeit auch durch Kant nachhaltig, namentlich in
geographischer und ethnologischer Richtung, angeregt; und
früh schon trat ihm auch die Naturgeschichte Buffons und die
Physiologie Hallers nahe, wie ihn die Gedanken Humes und
Rousseaus beschäftigten, wenngleich auf philosophischem Ge⸗
hiete die Gedanken Leibnizens in dem veränderten Sinne, wie