Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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Wie die ganze Strömung, der Herder hauptsächlich an— 
gehörte, so sind auch seine Ideen im tiefsten Grunde mit durch 
Spinoza bestimmt — freilich durch einen Spinoza im Herder— 
schen Verstande. So erscheint seinem enthusiastischen Vorstellen 
Gott als das Dasein schlechthin, aber als ein aktives Dasein 
von Macht, von Weisheit und von Güte, das sich in einer 
unendlichen Abstufung seiner Kräfte offenbart. Diese Kräfte 
aber sind nun spinozistisch-leibnizisch aufgefaßt — sie entsprechen 
den Attributen Spinozas und den einfachen Substanzen Leib— 
nizens —: und so können sie sich in einer reichen Formen⸗ 
welt auswirken. Darum entstehen aus Gott und durch Gott 
geschaffen in dem Zeitalter einer ersten Schöpfung die Formen 
alles anorganischen und die Arten alles organischen Lebens 
als die Gedanken Gottes, damit sich in ihnen, nachdem die 
Tore der Schöpfung geschlossen sind und die in fast unend⸗ 
lichen ÜUbergängen emporsteigende Stufenfolge der Formen und 
Arten feststeht, nunmehr die eingeborenen Kräfte in den einzelnen 
Individuen auswirken in immer größerer Freiheit und Fein— 
heit: bis die einzelnen Formen in der Verfeinerung der in 
ihnen wirkenden Kräfte altern und zugrunde gehen, von der 
Form des einfachen Kiesels bis zur Form des großen Gesamt— 
organismus der Erde, — und nach ihrem Zerfall in ewig wieder—⸗ 
holtem Werden neue Himmel und neue Erden hervorgehen. 
Auf unserer Erde aber steht der Mensch auf der obersten 
Höhe der vollendeten Stufenreihe der Organisationen: seine 
Form, sein Wesen schließt ein, was nur irgend von Gottes⸗— 
kräften in einer Form vereint ist; er ist das Protoplasma, 
das Prototyp aller anderen Formen: zu ihm sind diese hin— 
gebildet. 
Allein damit ist seine Stellung noch nicht erschöpfend be— 
schrieben. Wie der Mensch dem Reiche der tierischen Formen 
zugehört, so ist er zugleich Teilhaber einer höheren Welt geistiger 
Organisation: ist er ein Mischgeschöpf der Erde und des 
Himmels. Und ist er als Tier nur zur Vernunftfähigkeit ge— 
bildet, so wird er durch seine Zugehörigkeit zu jener höheren 
Welt der Vernunft selber teilhaft.
	        
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