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Zweiundzwanzigstes Buch.
grund seiner Technik schob. In diesem Lichte, einer sanften,
silbrigen, beruhigenden Beleuchtung, faßte er das Bildnis
künstlerisch zu einer Einheit zusammen, indem er dem be—
lichteten Kopf alles andere im Tone unterordnete und inner—
halb des Kopfes wieder alle Kraft im Auge konzentrierte: und
so erhielten seine Bildnisse jenes Sprudelnde, Lebendige, das
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der Bewältigung des Lichts auf der Höhe der alten Nieder—
länder steht und in gewissen Einzelheiten, in der Zulassung
einer nicht künstlich geleiteten, sondern natürlich gesehenen Be—
leuchtung auch schon die Probleme der Freilichtmalerei des
19. Jahrhunderts ankündigt.
Aber war gerade das Porträt dazu geeignet, diese neuen
Probleme zu erfassen und zu bewältigen? Gewiß war der Über⸗
gang vom Fresko und vom großen Galeriebild zu den kleinen
Formaten notwendig, die der Bürger in der Wohnung noch
hrauchen kann, um die aller angenommenen, aller Renaissance⸗
kunst innelebende Pose zu beseitigen, um ganz wahrhaftig zu
werden und das künstlerische Auge völlig zum eigenen Rechte
kommen zu lassen. Und eben aus diesem Zusammenhange
heraus wurde die bürgerliche Kunst für den Fortschritt der
Malerei schon im 15. und 16. Jahrhundert, dann im 17. Jahr⸗
hundert, endlich wieder im 19. Jahrhundert entscheidend. Aber
ließen sich Lichtwirkungen, und auf deren freieste Wiedergabe
kam es doch eben an, gerade beim Bildnis leicht studieren? Es
ist bezeichnend, daß der größte deutsche Bildnismaler jüngster
Zeit, Lenbach, einer der letzten Meister gewesen ist, die dem
Freilicht keine offenkundigen Zugeständnisse gemacht haben. Licht—
wirkungen bedürfen, um stärker bemerkbar zu werden, der
Fernsicht; ihre Wiedergabe muß deshalb Wege einschlagen, die
auch zur verhältnismäßigen Fernsicht auf das Bild nötigen. Ein
Bildnis aber will der Regel nach in der Nähe betrachtet sein;
und das Original wird darum ebenfalls in der Nähe, ohne
die Zwischenschicht stark wirkender Reflexe, gemalt.
Die impressionistische Porträtmalerei im freien Licht hat
bei ihren Schwierigkeiten noch heute verhältnismäßig wenige