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Zweiundzwanzigstes Buch.
worden, d. h. das Feingefühl der höchsten und abgeklärtesten Ent—
wicklung der so überaus formbegabten alten Völker des Mitlel—
meers. Konnte man da von den so leisen impressionistisch⸗
naturalistischen Anfängen der bildenden Kunst um 1800 er—
warten, daß sie stracken Laufes und ohne fremde Hilfe alsbald
zu einem klaren Idealismus überleiten würden? Das Problem,
das der Dichtung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
gestellt wurde, ist für die bildende Kunst, voran die Malerei,
schließlich erst etwa ein Jahrhundert später dringlich geworden.
Denn Form hineinzubringen in die gärende, wogende Masse
des impressionistischen Naturalismus: das wurde zur Losung
schließlich doch erst der modernsten deutschen Kunst. Kann man
aber sagen, daß selbst in der Gegenwart der Kampf um einen
neuen Idealismus so ganz ohne Unterstützung des Formgefühls
der Alten gekämpft werde? Und unter diesen Umständen
hätte der Ruf schon Runges nach Form fur einen doch erst
in den Anfängen befindlichen, in kleinen Kreisen versuchten
Naturalismus auf die Dauer frei bleiben können von einem
Hilfegesuch an die Antike? Zu einer Zeit, da die um so viel
stärker entwickelte Dichtung dem Einfluß dieser Antike unter—
legen war? Auch auf dem Gebiete der bildenden Kunst über⸗
flutete die allgemeine nationale Oberströmung des Klassizismus
zunächst weithin bedeckend alles Land.
Wohin sollte sich nun bei dieser Wendung die Kunst
flüchten? Wohl mochte sie sich in einzelnen Fällen dem neuen
Bürgertum bescheiden anpassen da, wo es sich besonders frisch
oder groß entfaltete: an den wenigen Stellen, wo das geschah,
sind die Anfänge der modernen großbürgerlichen Kunst zu
suchen. Im übrigen aber blieb nur die Zuflucht zu den alten
Mächten künstlerischer Kultur: zur Kirche und vor allem zu
den vornehmsten Trägern der hergebrachten höfischen Bildung,
zu den Fürsten. Und deutsche Fürsten, ein Ludwig J. von
Bayern, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, Großherzog
Alexander von Weimar, sind noch bis über die Mitte des
19. Jahrhunderts hinaus die wichtigsten Mäcene deutscher
Kunst geblieben.