Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

630 Zweiundzwanzigstes Buch. 
Allein auch außerhalb Berlins faßte der neue Stil Fuß. 
Zwar in Süddeutschland hielt man noch länger an zopfig 
vereinfachten Formen des Rokokos fest; so hat in München 
Nikolaus Schedel von Greifenstein noch 1807 das Max Joseph⸗ 
Tor im Zopfstil errichtet, und neben ihn stellte sich Peter von 
Nobile, der Erbauer des Wiener Burgtors. Auch F. Wein⸗ 
brenner, der 1791 bis 1797 in Italien studierte, verblieb inner— 
halb palladiesker Formen, wie seine Bauten in Karlsruhe und 
anderswo zeigen. Allein daneben neigten sich doch wenigstens 
der Nordwesten und Mitteldeutschland dem neuen Stile zu; 
und wie in Hannover und Gotha, so wurde in Kassel in seinem 
Geiste geschaffen. Hier war es vor allem der Schloßbau von 
Wilhelmshöhe, der von dem Architekten Du Ry, dem Sprossen 
einer alten Hugenottenfamilie, seit dem Jahre 1785 nach dem 
Vorbilde der 1777 erschienenen Ausgabe der Bauwerke von 
Robert James Adam durchgeführt wurde. Mit der Archi⸗ 
tektur aber verband sich in Wilhelmshöhe die Anlegung eines 
iener großen Parke, in denen die englische Gartenkunst 
Triumphe feierte; und den Parkanlagen von Wilhelmshöhe 
gingen die von Wörlitz und Weimar zur Seite. Noch rascher 
jedoch, wenn auch nur in seinen einfachsten Formen, drang 
der neue Stil in die bürgerliche Architektur ein; hier schossen 
jetzt jene nüchternen Wohnhäuser empor, deren sich noch heute 
in unseren größeren Städten zumeist eine Anzahl befindet, mit 
einer gänzlich vereinfachten antiken Säulenstellung am Tür— 
eingang, mit großen Halbkreisfenstern im Treppenhaus und 
an den Giebelseiten, mit verhältnismäßig geräumigen, aber 
noch niedrigen Zimmern in pompejanischer Ausschmückung. Und 
selbst in den Kirchenbau drang der neue Stil schon vereinzelt 
vor: so hat z. B. Dauthe die Leipziger gotische Nikolaikirche 
seit 1784 nach den Gruundsätzen des neuen Stiles umgebaut. 
Dennoch handelte es sich bei alledem zunächst noch um Ver— 
suche und Anfänge; die wirkliche Blüte des Stils fällt erst 
in die beruhigte Zeit nach den Freiheitskriegen und nach 
der vollsten Durchbildung des literarischen Klassizismus, und 
ihr Beginn wird bezeichnet durch das Aufstreben Klenzes in
	        
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