Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

326 Zweiundzwanzigstes Buch. 
Das aber ist ein Vorzug, der sich nicht ohne wirksame 
Hilfe von oben her begreifen läßt. In einer zweiten, geistigen 
Schöpfung, deren Überlieferung die biblische Schöpfungs— 
geschichte, die älteste Urkunde des Menschengeschlechts, nicht 
minder bewahrt wie die der ersten, verleihen die Elohim noch 
einmal unmittelbar von sich her dem Menschen die Sprache 
und das Aufrechte des Ganges und damit die Vorbedingungen 
und den Anfang vernünftiger Betätigung. Es ist der Augen⸗ 
blick, da der Mensch, dem Naturreich angehörend, zugleich 
hineintritt in das Reich der Geschichte. 
So wird die Geschichte zur Auswirkung der gottverliehenen 
menschlichen Vernunft. Vernunft aber ist nicht bloß Verstandes— 
kraft in höchstem Maße; Vernunft bedeutet zugleich Humanität, 
und Humanität ist Religion im christlichen Sinne. Humanität 
also wird zum Ziel aller Geschichte der Menschheit; und wie 
einzelne ihrer Seiten von vergangenen Völkern in idealer 
Weise entwickelt worden sind, von den Griechen z. B. die 
Kunst, von den Römern das Recht, so werden andere Seiten 
von zukünftigen Völkern entwickelt werden: bis die Aus— 
wirkung Gottes von der Macht durch die Weisheit hin zur 
Güte vollendet ist. Dann, wenn dereinst bei allen Menschen 
das Humanitätsideal der Güte eingeboren und ausgelebt sein 
wird, dann wird das Ende der Dinge nahen: denn dann 
haben die göttlichen Kräfte die orgänische Geistesform des 
Menschen von Stufe zu Stufe verfeinernd durchwoben und 
damit ihre Bestimmung erfüllt. 
Es ist eine grandiose Lehre naturgeschichtlicher wie histo— 
rischer Entwicklung, in deren Mittelpunkt der Mensch steht, 
eine Theodicee und eine Anthropodicee zugleich: ganz erfüllt 
erscheint sie wie von der frommen Begeisterung, so von dem 
edlen Menschenstolz der ersten Jahrzehnte des neuen subijekti— 
vistischen Zeitalters. 
In der Tat trägt sie in sich, was nur immer Element 
und System des Denkens in dieser Zeit sein konnte. Aber 
freilich ist sie als ganzer Ausdruck der Zeit zugleich auch ein 
Inbegriff aller Inkonsequenzen der Periode. Mochte die neue
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.