Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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wie die in München kennzeichnet, das ist der Umstand, daß 
die Antike an beiden Orten, ja man kann sagen in Süd— 
deutschland überhaupt, wenn auch zeitweise in den Vorder— 
grund tretend, doch niemals auch nur annähernd allein ge— 
herrscht hat: immer entstanden neben ihr Bauten anderer 
historischer Stile. 
Ein wenig anders war es in Berlin. Hier bestand um 
1815 an sich schon eine mehr als dreißigjährige Tradition zu— 
gunsten der Antike; hier hatte das Herrscherhaus als Haupt— 
bauherr im Verlaufe dieses Menschenalters ohne Wanken an 
dem einen Stile festgehalten, und hier erschien in Schinkel 
ein Meister, der die Fähigkeit besaß, die bei antiker Nach— 
ahmung noch eben denkbaren modernen Möglichkeiten zu ent— 
wickeln und zugleich schulbildend zu wirken. Schinkel (4J 1841), 
der Schöpfer des alten Berliner Museums (1825 ff.), des 
Schauspielhauses und der Bauakademie (1832), der geduldige 
Entwerfer von tausend gewaltigen, nur in der Phantasie pro— 
jektierten Bauten, für deren Ausführung dem armen Preußen 
und Deutschland seiner Zeit das Geld mangelte, selbst soweit 
sie einfachen und praktischen Zwecken gewidmet waren, ist recht 
eigentlich der Klassizist der deutschen Architektur; bei ihm er— 
innert fast nichts mehr an den Zusammenhang mit der 
Rengissance und deren Tochterentwicklungen; höchstens im Stil 
der Gotik hat er neben dem der Antike mit einer gewissen 
Vorliebe und, nach der Kenntnis seiner Zeit, mit bemerkens— 
werter Reinheit geschaffen. Grundsätzlich aber und in dem 
Wichtigsten seiner Werke wurde er zum Hellenisten: die Säule, 
die Ordnung waren ihm heilige Traditionen, die es zu er— 
neuern galt, wenn er auch, wo es irgend mit seinen Theorien 
vereinbar war, als Hellene in dem Bewußtsein moderner Be— 
dürfnisse zu schaffen suchte. Eben in dieser Kombination ge— 
wann er dem Klassizismus eine menschliche Seite ab, und 
eben darum schuf er, eigentlich mit wenigen antiken Bauten, 
mit diesen aber auch aufs innigste vertraut, aus dem geringen 
alten Formenvorrat überraschend viel dem 19. Jahrhundert 
Eigenes: bis zu dem Grade, daß er Barock und Rokoko über—⸗
	        
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