Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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zur Antike durchaus naiv; er schuf in antikem Geiste halb 
wie ein in der selbstverständlichen Befangenheit der Zeit— 
genossen verweilender Angehöriger der antiken Welt. Und er 
schuf so, weil die antiken Formen im Kerne seinem Sehen 
entsprachen. So lebte er dahin als ein spätgeborener Heide: 
eben in diesem Punkte berührte er sich mit dem seiner Zeit 
nicht minder fremden Winckelmann und im gewissen Sinne 
auch mit Goethe. Innerhalb seiner allgemeinen Begabung 
aber war er freilich wiederum nochmals begrenzt: dem Träumer 
waren die kraftvollen Seiten der Antike wenig zugänglich: 
Titanenkampf und Schlachtgeschrei der Ilias waren nicht seine 
Freude; still und ohne starke Erregtheit hat er seine anmutig— 
friedlichen Gestalten geschaffen, während sich draußen die Heere 
der Revolution und Napoleons schlugen und Deutschlands Volk 
auszog in den Kampf um Freiheit und Recht. So fehlte seiner 
Kunst der kraftvolle Nerv; sie verharrte im Idyll und den ihm 
eigenen und verwandten Stimmungskomplexen, traf aber damit 
freilich die Ruhseligkeit der Zeit nach 1815. Das nun folgende 
Menschenalter bis zu Thorvaldsens Tode (1844) ist darum 
recht eigentlich die Zeit seiner Anerkennung gewesen; in ihr 
stand er aufrecht neben Schinkel als der größte Künstler der 
neugeborenen Antike. Vor allem auch in Deutschland fand 
Thorvaldsen damals Anerkennung, und in Rauch (17791857) 
einen Anhänger, der zu ihm längere Zeit fast mit ebenso großer 
Bewunderung wie zur Antike aufschaute. Denn Rauch hat zwar, 
wenn es ihm äußere Umstände aufdrängten, in realistischerem 
Sinne kräftig und stark zu schaffen gesucht; im Grunde aber 
neigte seine Begabung zum Weichen, anmutig Geschwungenen 
und trat dadurch neben der Antike auch dem Rokoko nahe; 
und wo er aus diesen Gesichtspunkten her zu bilden vermochte, 
da hat er, wie in seinen kranzspendenden Viktorien, am meisten 
Persönliches und Dauerndes geboten. Nach Rauch aber lebte 
ein ins Tändelnde abgewandelter antiker Stil in Deutschland 
nur noch in untergeordneten Erzeugnissen längere Zeit neben 
den Schöpfungen einer Kunst fort, die zwar äußerlich auch viel— 
fach am Anstriche der Alten festhielt, innerlich sich aber von 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 41
	        
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