Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
ihnen immer mehr zugunsten eines entschiedeneren Realismus 
entfernte. 
4. Wir stehen am Ausgange der klassizistischen Plastik und 
der klassizistischen bildenden Kunst überhaupt. Wir haben ihr 
lange Betrachtungen gewidmet, und nicht leicht ergab sich ihr 
entwicklungsgeschichtliches Verständnis. Denn in ihr hallten 
noch am längsten, und in letzten Ausläufern bis über die 
Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus jene Schwierigkeiten fort, 
welche durch die Aufnahme der antiken Kultur in den nationalen 
Bildungsgang überhaupt immer wieder verursacht wurden und 
werden. Denn wer will mit Sicherheit behaupten, daß diese 
Aufnahmeschwierigkeiten der Antike in den Zeiten des Klassi— 
zismus in ihrer Art schon die letzten gewesen sind? Wenn 
auch in Abschwächung, so drohen doch noch immer unserer 
gesamten geistigen und seelischen Entwicklung gewisse Umwege 
und Hindernisse, locken ihr freilich auch Vorteile aus der mög— 
lichen Ablenkung ihrer eingeborenen Richtung — oder wenigstens 
der Nebenwege dieser Richtung — durch die Wucht der antiken 
Überlieferung. 
Wie einfach, gerade, sicher zum Ziele führend erscheint 
demgegenüber der Verlauf der nationalen Kultur da, wo ihre 
Entfaltung nicht durch Indigestionen gleichsam infolge der Auf⸗ 
nahme fremdartiger Überlieferungen belastet erscheint! Und 
aus wie viel größerer Tiefe dringen die Fortschritte der natio— 
nalen Kultur auf solchen Gebieten empor: heraus aus dem ein⸗ 
fachen Schoße nationalen Werdens! 
Es sind Beobachtungen, die auf keinem Gebiete mehr zu— 
treffen als auf dem der Tonkunst; und die sich in diesem Be— 
reiche wiederum nie besser bewahrheitet haben als in der Zeit 
des aufsteigenden frühen Subjektivismus. 
Zwar ist auch die Entwicklung der Musik in Deutschland 
von antikischen Einflüssen nicht ganz verschont geblieben; wir 
wissen, wie die Ausbildung des Madrigals des 16. Jahrhunderts 
aufs engste mit der musikalischen Begeisterung für die antike 
Ode zusammenhing; wie weiterhin die älteste Form der Oper,
	        
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