Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Singspiels seit der Mitte des Jahrhunderts in verschiedenen 
größeren Städten; am frühesten vielleicht in dem lebenslustigen 
Wien, wo Haydn schon um 1751 die Operette „Der krumme 
Teufel“ komponiert hat, deren Aufführung freilich wegen derber 
Satire auf den Schauspieldirektor Affligio verboten wurde. 
Maßgebend aber für die früheste Entwicklung wurde schließlich 
Leipzig. Hier kam auf Veranlassung des Schauspieldirektors 
Koch im Jahre 1752 zunächst eine euͤglische Operette zur Auf— 
führung, Coffeys „The devil to pay“, die 1743 von dem 
preußischen Gesandten in London Herrn von Borck unter dem 
Titel „Der Teufel ist los“ übersetzt worden und durch Standfuß 
mit neuer Musik versehen worden war. Bald aber wurde für 
die Operettenbühne in Johann Adam Hiller (1728 - 1804) ein 
quellendes Komponistentalent entdeckt, dem zur Seite Christian 
Felix Weiße (1726 -1804), ein Leipziger Steuerbeamter und 
Freund Lessings, im Anschluß an die alte muntere Weise der 
Leipziger Dichtung und im Sinne der Ausstattung etwa der 
Gellertschen Poesie für heitere Librettos sorgte. Es handelte 
sich dabei um Lustspiele in Prosa mit eingelegten Gesängen, 
die sich bald einer außerordentlichen Popularität erfreuten. 
„Lisuart und Dariolette“, „Lottchen am Hofe“, „Die Liebe 
auf dem Lande“ fanden überall enthusiastische Aufnahme; lange 
noch sang man auf den Gassen: „Ohne Lieb' und ohne Wein 
was wär' unser Leben?“ und dergleichen; und der Anfang 
eines Liedes: „Morgen, morgen, nur nicht heute! sprechen 
immer träge Leute“ hat sich bis zur Gegenwart als geflügeltes 
Wort hindurchgerettet. 
So überschritt denn die neue Kunstform als deutsches 
Singspiel bald das Weichbild Leipzigs; zum letzten Male übte 
das Klein-Paris der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus 
den Tiefen der eigenen dichterischen Entwicklung her, wie von 
der Basis der besonders hohen musikalischen Bildung Ober— 
sachsens aus, einen umfassenden Einfluß. 
Auf seinem Wege durch Deutschland aber empfing das 
Singspiel an dem Orte und in dem Lande, die jetzt bald 
übermächtig in den Entwicklungsgang der deutschen Musik
	        
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