Bildende Kunst und Musik.
649
eingreifen sollten, erst recht seine eigentliche Weihe. Im Jahre
1767 wurde „Lisuart und Dariolette“ in Wien gegeben; und
1768 komponierte der junge Mozart auf österreichischem Boden
sein graziöses Singspiel „Bastien und Bastienne“, das man
heute gelegentlich wieder zu hören bekommt. Kaum ein Jahr-—
zehnt später aber konnte man in Wien die Klage hören, daß
die Operette alle Tragödien und Komödien verdränge; ja 1778
wurde in der Kaiserstadt auf Anregung Josephs II. ein eignes
deutsches Nationalsingspiel, eine Art deutscher komischer Oper,
eröffnet. Es war zu der Zeit, da sich seit 1786 in Wien in
der Person Karl Ditters von Dittersdorf (J 1799) zugleich ein
überaus geschickter Komponist zu regen begann. Sein Haupt—
werk, „Doktor und Apotheker“, das noch heute gegeben wird
und die Vollendung der Gattung vor dem Eingreifen Mozarts
bedeutet, enthält, trotz aller possenhaften Elemente etwa im
Sinne Molières, doch schon die Züge, die zur eigentlichen
komischen Oper hinüberführen. Die Musik ist sangbar und den
Situationen angepaßt, während das musikalische Charakterisie—
rungsvermögen gegenüber den Personen der Handlung noch
versagt, es sei denn, daß ihm ein Ausflug in die Karikatur er⸗—
laubt wird. Als Ganzes ist das Stück mehr eine Aneinander—
reihung einzelner Sätze, als daß ein organischer Aufbau der
Musik hervorträte; namentlich im Finale des ersten Aktes zeigt
sich noch das Ursprüngliche der Anlage. Neben den possenhaften
kommen dabei wohl auch sentimentale Züge vor, doch sehr in
der Minderzahl; die Mischung ist etwa schon dieselbe, wie man
sie aus Lortzings Opern kennt. Freilich: von all den sonstigen
Vorzügen Lortzings: der klaren Organisation des Ganzen, der
sicheren Personencharakteristik, dem feineren Humor bei aller
Ausgelassenheit, zeigen sich nur erste Spuren. Und auch bei
dem Durchschnitte der übrigen Singspieldichter der Zeit, bei
Georg Benda in Gotha, bei Peter von Winter in München,
bei Ignaz Holzbauer in Mannheim, bei Johann Friedrich
Reichardt in Berlin fehlen sie; wenngleich Reichardt (1752
bis 1814), ein echter Liederkomponist, die spielerischen Formen
schon mehr ins Ernste umschuf: während Mozart aus dem