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Zweiundzwanzigstes Buch.
Willen, den Demut vergebens begreiflich zu machen sucht;
und statt die Gesetzgeberin der Geschichte zu sein, sieht sich die
Menschenpersönlichkeit umflutet von außer ihr webenden Kräften
Gottes.
Es ist die dem ursprünglichen Meinen Herders völlig
entgegengesetzte Denkweise eines ausgesprochenen Dualismus,
wie sie in der christlichen Dogmatik ihren Halt fand; es ist
eine Anschauung von der Entwicklung als des alles Geschehene
und Geschehende beherrschenden Prozesses, die im Grunde noch
gefesselt blieb an das Denken von Leibniz.
Und es war noch das allgemeine Denken der Zeit. So
zunächst auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. Während die
Wissenschaft von heute die Entwicklung unter dem Einflusse
der Denkform einer immanenten Kausalität als vom Ein—
facheren zum Verwickelteren fortschreitend vorstellt in dem
Sinne, daß die Arten als im Verlaufe naturwissenschaftlicher
Zeitalter auseinander entfaltet gedacht werden und die Reihe
derselben grundsätzlich noch keineswegs abgeschlossen erscheint,
erblicken Herder und seine Zeit die Arten noch in einer in sich
zusammenhängenden Reihe als von Anbeginn nebeneinander
und vollständig aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen.
So auch auf dem Gebiete der Geschichte. Hier ist Herdern
noch so wenig als seinen Zeitgenossen überhaupt der psycho—
genetische Gedanke von Persönlichkeitstypen eigen, wie sie die
einzelnen aufeinaunderfolgenden Kulturzeitalter menschlicher Ge⸗
meinschaften nacheinander ausbilden: er kennt noch nicht das
entwicklungsgeschichtliche Diapason des Geisteslebens einer Zeit,
die besondere geistige Haltung z. B. der Jägervölker, der
Nomaden, der Bauern einer primitiven Naturalwirtschaft, der
Bürger einer geldwirtschaftlichen Kultur usp. Und weil ihm
die entwicklungsgeschichtlichen Persönlichkeitstppen in dem Zu—
sammenhange ihrer regelmäßigen Aufeinanderfolge noch nicht
geistig zu Gebote stehen, darum bleibt ihm auch der Gedanke
einer immanenten historischen Kausalität noch verschlossen:
wehrlos sieht er sich einer immer wieder hereinbrechenden dua—
listischen Auffassung, die er im Grunde doch schon ablehnt,