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Zweiundzwanzigstes Buch.
der gute Geschmack aussprachen. — Ich habe mir vorgestellt,
daß die Ouvertüre die Zuhörer über den Charakter der Hand⸗
lung, die sich vor ihren Augen entwickeln soll, belehren und
ihnen das Sujet derselben angeben müßte; daß die Instrumente
nur in Anwendung gebracht werden müssen im Verhältnis
des Grades des Interesses und der Leidenschaft, und daß be—
sonders zu vermeiden wäre, im Dialog einen zu schroffen
UÜbergang zwischen der Arie und dem Rezitativ vorwalten zu
lassen, um nicht die Perioden ganz unverständig zu verstummeln
und störend die Bewegung und das Feuer der Szene zu unter⸗
brechen. — Ich habe auch noch geglaubt, daß der größte Teil
meiner Arbeit sich darauf beschränken müßte, eine schöne Ein⸗—
fachheit zu suchen, und ich habe es wohl vermieden, mit
Schwierigkeiten auf Kosten der Klarheit Parade zu machen;
ich habe keinen Wert auf die Entdeckung irgendeiner Neuerung
zelegt, wenn sie nicht natürlich, durch die Situation gegeben
and mit dem Ausdrucke verbunden war; endlich gibt es keine
Regel, welche ich nicht ohne Widerstreben zugunsten der Wirkung
opfern zu müssen geglaubt habe.“
So ist deutlich, was Gluck wollte. Vor allem kannte er
keinen völlig absoluten Ton mehr, und die Musik war ihm
alles andere als objektiver Selbstzweck. Er haßte die Gesangs⸗
formen der hergebrachten Oper, die Töne einer Musik, die
nur einschmeicheln wollte und die nur um ihrer selbst willen
und zu nichts als dem Ohrenschmaus der Zuhörer vorhanden
schien. Musik war ihm Ausdrucksmittel der Empfindung gleich
der Poesie; aber ein Ausdrucksmittel, das, wenngleich aufs
engste noch an die Dichtung angelehnt, doch über diese hinaus
und ihre Wirkung steigernd Wahrheit und Wirklichkeit im
schönsten Scheine wiedergeben sollte. Und dazu, dies hohe
Ziel zu erreichen, forderte er Reinheit der musikalischen Mittel
und künstlerische Keuschheit des Komponisten.
Es waren die primitiven Ziele der neuen subjektiven Kunst
überhaupt. Aber nicht mehr mit der feurigen Begeisterung
der Jünglingsjahre hat Gluck sie erfaßt. Bei weitem mehr
in weiser Kritik hat er sich ihnen genähert, als in unbewußt