Bildende Kunst und Musik.
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schöpferischer Empfindung, und darum hat er sie mehr auf
den äußeren Gegensatz zu dem ihm wohlbekannten Alten heraus—
zearbeitet, als innerlich ahnungsvoll erlebt. Es war eine so
merkwürdige Stellung eines großen Neuerers, wie sie selten
borgekommen ist. Und sie wurde noch stärker dadurch betont,
daß sich Gluck, wie schon bemerkt, wohl nicht ohne Einfluß
der Theorie von der Einfalt und stillen Größe des Altertums,
in dem Gebrauche der Kunstmittel die äußerste Beschränkung
auferlegte. Schon in seinen Liedern ist das der Fall, höchst
auffallend z. B. in den Kompositionen zu Klopstock, in denen
sich nichts von der sentimentalen Kantilene findet, die man
nach dem Vorgange des Dichters vielleicht erwarten könnte.
Gewiß schließt dabei diese gewollte Beschränkung Wärme und
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Mitteln weiß der Meister aufs innigste zu rühren. Aber dabei
bleibt doch bestehen, daß der ganze Reichtum der Tonmittel
gerade für die neue Auffassung der Musik noch nicht entdeckt
ist und damit auch die notwendigen technischen Voraussetzungen
der neuen Kunst nur erst primitiv zur Entfaltung gelangen: ja,
um neue Stimmungen zu charakterisieren, schließlich doch wieder
Mittel der alten Kunst, z. B. akkordische Füllung durch Ton—
leitern oder andere „Blüten“, in Anspruch genommen werden.
Unter diesen Umständen begreift sich auch von der technischen
Seite her, oder versteht es sich vielnehr als auch ein Ausdruck
der Primitivität, daß sich Gluck in der Wiedergabe der Emp⸗
findung noch ganz an das einzelne dichterische Wort gebunden
hält: zu schwer fällt es ihm noch oft, der Empfindung eines
zanzen Satzes in einheitlicher Kraft gerecht zu werden: es ist
in der Tat, wie er es geschildert hat: er tuscht die Poesie nur
aus, statt Empfindungsinhalte schon frei in Tönen von un—
erschöpflicher Selbständigkeit über ihr schweben zu lassen; er
bleibt in dem Bestreben befangen, wie er es wiederum selbst aus—
gedrückt hat, „mehr Maler und Dichter als Musiker zu sein“.
So gelang es ihm nicht, die alten Formen der italienischen
Oper schon innerlich vollends zu sprengen; nur von ferne sah
ex das Land der Zukunft. Aber wie unendlich weit reichte
Qamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 42