Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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schöpferischer Empfindung, und darum hat er sie mehr auf 
den äußeren Gegensatz zu dem ihm wohlbekannten Alten heraus— 
zearbeitet, als innerlich ahnungsvoll erlebt. Es war eine so 
merkwürdige Stellung eines großen Neuerers, wie sie selten 
borgekommen ist. Und sie wurde noch stärker dadurch betont, 
daß sich Gluck, wie schon bemerkt, wohl nicht ohne Einfluß 
der Theorie von der Einfalt und stillen Größe des Altertums, 
in dem Gebrauche der Kunstmittel die äußerste Beschränkung 
auferlegte. Schon in seinen Liedern ist das der Fall, höchst 
auffallend z. B. in den Kompositionen zu Klopstock, in denen 
sich nichts von der sentimentalen Kantilene findet, die man 
nach dem Vorgange des Dichters vielleicht erwarten könnte. 
Gewiß schließt dabei diese gewollte Beschränkung Wärme und 
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Mitteln weiß der Meister aufs innigste zu rühren. Aber dabei 
bleibt doch bestehen, daß der ganze Reichtum der Tonmittel 
gerade für die neue Auffassung der Musik noch nicht entdeckt 
ist und damit auch die notwendigen technischen Voraussetzungen 
der neuen Kunst nur erst primitiv zur Entfaltung gelangen: ja, 
um neue Stimmungen zu charakterisieren, schließlich doch wieder 
Mittel der alten Kunst, z. B. akkordische Füllung durch Ton— 
leitern oder andere „Blüten“, in Anspruch genommen werden. 
Unter diesen Umständen begreift sich auch von der technischen 
Seite her, oder versteht es sich vielnehr als auch ein Ausdruck 
der Primitivität, daß sich Gluck in der Wiedergabe der Emp⸗ 
findung noch ganz an das einzelne dichterische Wort gebunden 
hält: zu schwer fällt es ihm noch oft, der Empfindung eines 
zanzen Satzes in einheitlicher Kraft gerecht zu werden: es ist 
in der Tat, wie er es geschildert hat: er tuscht die Poesie nur 
aus, statt Empfindungsinhalte schon frei in Tönen von un— 
erschöpflicher Selbständigkeit über ihr schweben zu lassen; er 
bleibt in dem Bestreben befangen, wie er es wiederum selbst aus— 
gedrückt hat, „mehr Maler und Dichter als Musiker zu sein“. 
So gelang es ihm nicht, die alten Formen der italienischen 
Oper schon innerlich vollends zu sprengen; nur von ferne sah 
ex das Land der Zukunft. Aber wie unendlich weit reichte 
Qamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 42
	        
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