362
Zweiundzwanzigstes Buch.
tensität der Charakteristik überhaupt? Würde es Mozart, dem
Rafael der Musik, möglich gewesen sein, die verinnerlichten
Charakterschattierungen Webers zu geben, der sich zu ihm etwa
stellt, wie zu Rafael Correggio?
Webers „Freischütz“ ist genau dreißig Jahre nach Mozarts
Zauberflöte“ auf die Bühne gekommen; zwischen beiden aber
zeitlich ziemlich genau in der Mitte liegt Beethovens „Fidelio“.
Indes auch ohne Heranziehung der späteren Entwicklung,
rein und allein aus seinen Werken heraus ist Mozarts Stellung
in der Entwicklung der Oper sehr wohl zu beschreiben. Denn
Mozart sang keineswegs bloß, wie der Vogel singt, der in den
Zweigen wohnet; er war vielmehr, wie seine Briefe beweisen,
ein in hohem Grade denkender Künstler. Von diesem Stand—
punkte aus aber wäre zunächst generell zu sagen, daß Mozart
die klassische deutsche Oper schuf, indem er, nach unbewußter
Analogie zu der in der Entwicklung der klassizistischen Dichtung
vorliegenden Kombination von fortschreitenden und geschichtlich
gegebenen Tendenzen, Charaktere wie Situationen bei allem
Festhalten noch an den alten Formen der individualistischen
Oper wie allem Sicheinschließen in gewisse, namentlich in
einem besonderen Rhythmus gegebene Schranken des Rokokos
voll in den Subjektivismus der musikalischen Empfindung
tauchte. Von da aus empfängt bei ihm schon jede Nummer
der Opern ihre eigene Tonart, ihre eigene Instrumentation,
ihren eigenartigen Rhythmus und ihre eigentümliche melodische
und harmonische Behandlung. Und sieht man vom Einzelnen
aufs Ganze, so zeigt sich die Wirkung darin, daß die Musik
nicht mehr bloß, wie bei Gluck, zur Erhöhung des seelischen
Ausdruckes der Handlung dient, sondern vielmehr das dramatische
Gebilde von innen heraus zu beleben beginnt. Dadurch ent—
steht denn, vornehmlich unter dem Einflusse bisher unerhörter
symphonischer Wirkungen des Orchesters, eine wirkliche Einheit
des Ganzen: die Oper ist nicht mehr ein in Musik gesetztes
Drama, sondern ein in sich unauftrennbares musikalisch—
dramatisches Kunstwerk. Es ist der Zusammenhang, von dem
aus die italienische Oper innerlich überwunden wird: und es