Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
tensität der Charakteristik überhaupt? Würde es Mozart, dem 
Rafael der Musik, möglich gewesen sein, die verinnerlichten 
Charakterschattierungen Webers zu geben, der sich zu ihm etwa 
stellt, wie zu Rafael Correggio? 
Webers „Freischütz“ ist genau dreißig Jahre nach Mozarts 
Zauberflöte“ auf die Bühne gekommen; zwischen beiden aber 
zeitlich ziemlich genau in der Mitte liegt Beethovens „Fidelio“. 
Indes auch ohne Heranziehung der späteren Entwicklung, 
rein und allein aus seinen Werken heraus ist Mozarts Stellung 
in der Entwicklung der Oper sehr wohl zu beschreiben. Denn 
Mozart sang keineswegs bloß, wie der Vogel singt, der in den 
Zweigen wohnet; er war vielmehr, wie seine Briefe beweisen, 
ein in hohem Grade denkender Künstler. Von diesem Stand— 
punkte aus aber wäre zunächst generell zu sagen, daß Mozart 
die klassische deutsche Oper schuf, indem er, nach unbewußter 
Analogie zu der in der Entwicklung der klassizistischen Dichtung 
vorliegenden Kombination von fortschreitenden und geschichtlich 
gegebenen Tendenzen, Charaktere wie Situationen bei allem 
Festhalten noch an den alten Formen der individualistischen 
Oper wie allem Sicheinschließen in gewisse, namentlich in 
einem besonderen Rhythmus gegebene Schranken des Rokokos 
voll in den Subjektivismus der musikalischen Empfindung 
tauchte. Von da aus empfängt bei ihm schon jede Nummer 
der Opern ihre eigene Tonart, ihre eigene Instrumentation, 
ihren eigenartigen Rhythmus und ihre eigentümliche melodische 
und harmonische Behandlung. Und sieht man vom Einzelnen 
aufs Ganze, so zeigt sich die Wirkung darin, daß die Musik 
nicht mehr bloß, wie bei Gluck, zur Erhöhung des seelischen 
Ausdruckes der Handlung dient, sondern vielmehr das dramatische 
Gebilde von innen heraus zu beleben beginnt. Dadurch ent— 
steht denn, vornehmlich unter dem Einflusse bisher unerhörter 
symphonischer Wirkungen des Orchesters, eine wirkliche Einheit 
des Ganzen: die Oper ist nicht mehr ein in Musik gesetztes 
Drama, sondern ein in sich unauftrennbares musikalisch— 
dramatisches Kunstwerk. Es ist der Zusammenhang, von dem 
aus die italienische Oper innerlich überwunden wird: und es
	        
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