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Zweiundzwanzigstes Buch.
gehalte ausgestaltet, ihre Modifikationen und Kontraste schufen
sich musikalisch freiere Bahn; im Zusammenhange damit zer—⸗
brach die alte gebundene Form; und kräftig traten Homophonie
und Harmonisierung an Stelle des polyphonen Baues. Damit
wurde die Einheit des musikalischen Kunstwerks immer mehr
nicht in seiner Struktur, sondern in seinem Empfindungsgehalt
gesucht: dessen Charakter, Werden, Umschlagen, Vergehen,
überhaupt Entfaltungsweg darzustellen, wird Aufgabe des
Komponisten. Musik heißt jetzt musikalisch reproduziertes
lebendiges Gefühl, heißt Wiedergabe eines folgerichtig ent—
wickelten musikalischen Erlebnisses, das ahnungsreich von neuem
zu erleben der Hörer veranlaßt werden soll. Nicht als Aus—
druck musikalischen Gemeingefühls, wie die alte Musik der
Volkslieder und Choräle, sondern als Ausdruck subjektiver
musikalischer Empfindung beginnt also die neue Instrumental—
musik emporzuleben.
Doch geschieht das anfangs noch nicht in vollkommenster
Freiheit. Vielmehr schafft sich die neue Musik, noch immer
zugleich auch als Mittel zur Hervorrufung reiner, gleichsam
physikalischer Freude an den Tönen gefaßt, zunächst und sehr
mannigfaltig Formen, die vor allem dieser Auffassung noch
entsprechen. Und das Neue spricht sich einstweilen nur darin
aus, daß diese Formen die des empfindungsvollen Auf und
Ab, des assoziativen Wechsels menschlicher Stimmungen werden.
Aus diesem Zusammenhange her wird die zyklische Form der vier
Sätze entwickelt, wie sie der klassischen Sonate und Symphonie,
dem Trio und dem Quuartett in gleicher Weise eigen ist;
Hebung und Senkung, Anspannung und Beruhigung, Einheit
und Gegensatz sollen in ihr auf Grund großer, meist schon
im Beginn angeschlagener musikalischer Motive wechseln. So
folgt wohl einem leidenschaftlich erregten Satze ein Scherzo,
das durch heiteren Humor und anmutigen Frohsinn die Seele
entlastet, und diesem ein Adagio, das milde, sanfte Stimmung
hervorruft: bis in einem imposanten Finale alles, was den
Hörer in Schmerz und Freude bewegt hat, noch einmal be—
ruhigend zusammen- und abgeschlossen wird.