Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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Aber auch selbst diese freiere und ihren tiefsten Gesetzen 
nach gleichwohl noch immer bindende Form des zpyklischen 
Instrumentalsatzes hat sich nicht auf einmal entwickelt. Viel— 
mehr ist sie, im wesentlichen den Elementarvorgängen unseres 
einfachsten assoziativen und affektiven Lebens nachgebildet, erst 
langsam im Verlaufe der geschichtlichen Erscheinungen, in denen 
diese ins Bewußtsein gelangten, entsprechend also dem Ver— 
laufe der sozial-psychischen Entwicklung von der Empfindsam— 
keitsperiode bis zum Klassizismus, ins Leben getreten. Und 
je mehr dies der Fall war, um so mehr hat sie der unendlich 
reichen Entfaltung der Instrumentalmusik, vornehmlich von 
Haydn bis Beethoven, zugrunde gelegen. Dabei entwickelte 
sich schon allmählich in ihr latent, jedenfalls aber sie noch nicht 
sprengend, ein weiterer höchst folgenreicher Subjektivismus der 
einzelnen Tondichter im wandlungsvollsten Um- und Aus— 
biegen der zunächst scharf und fest entwickelten Klammern und 
Bänder der neuen Formen; wie bei Wunderpflanzen schießen 
aus den ursprünglich einfachen musikalischen Gebilden der vier— 
geteilten Zyklen immer launischer, rascher, fruchtbarer neue 
Blätter und Blüten hervor: bis die Form, aber endgültig erst 
in einer neuen Zeit, der Zeit nach Beethoven, in der Periode 
der modernen Symphonie, und auch da noch nicht völlig, ge— 
sprengt wird. 
Will man die Entwicklung dieses quellenden Lebens im 
einzelnen verfolgen, so bedarf es indes vorher noch einer Ver— 
ständigung über die Leistungsfähigkeit und den Gebrauch der 
Instrumente, die etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts und 
den folgenden Menschenaltern zur Verfügung standen. Denn 
eben durch den Charakter dieser Instrumente war der Verlauf 
der ganzen Bewegung vielfach im einzelnen umschrieben. 
Die Kunstmusik, soweit sie Instrumentalmusik war, ist in 
ihrer technischen Entwicklung ursprünglich nicht so sehr durch 
die einzelnen Instrumente begrenzt worden, wie durch das 
Generalinstrument des früheren Mittelalters und noch des 
15. bis 18. Jahrhunderts, die Orgel. Denn sie hatte die am 
meisten mechanische Spieltechnik; sie allein gehörte uursprünglich
	        
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