Bildende Kunst und Musik.
665
Aber auch selbst diese freiere und ihren tiefsten Gesetzen
nach gleichwohl noch immer bindende Form des zpyklischen
Instrumentalsatzes hat sich nicht auf einmal entwickelt. Viel—
mehr ist sie, im wesentlichen den Elementarvorgängen unseres
einfachsten assoziativen und affektiven Lebens nachgebildet, erst
langsam im Verlaufe der geschichtlichen Erscheinungen, in denen
diese ins Bewußtsein gelangten, entsprechend also dem Ver—
laufe der sozial-psychischen Entwicklung von der Empfindsam—
keitsperiode bis zum Klassizismus, ins Leben getreten. Und
je mehr dies der Fall war, um so mehr hat sie der unendlich
reichen Entfaltung der Instrumentalmusik, vornehmlich von
Haydn bis Beethoven, zugrunde gelegen. Dabei entwickelte
sich schon allmählich in ihr latent, jedenfalls aber sie noch nicht
sprengend, ein weiterer höchst folgenreicher Subjektivismus der
einzelnen Tondichter im wandlungsvollsten Um- und Aus—
biegen der zunächst scharf und fest entwickelten Klammern und
Bänder der neuen Formen; wie bei Wunderpflanzen schießen
aus den ursprünglich einfachen musikalischen Gebilden der vier—
geteilten Zyklen immer launischer, rascher, fruchtbarer neue
Blätter und Blüten hervor: bis die Form, aber endgültig erst
in einer neuen Zeit, der Zeit nach Beethoven, in der Periode
der modernen Symphonie, und auch da noch nicht völlig, ge—
sprengt wird.
Will man die Entwicklung dieses quellenden Lebens im
einzelnen verfolgen, so bedarf es indes vorher noch einer Ver—
ständigung über die Leistungsfähigkeit und den Gebrauch der
Instrumente, die etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts und
den folgenden Menschenaltern zur Verfügung standen. Denn
eben durch den Charakter dieser Instrumente war der Verlauf
der ganzen Bewegung vielfach im einzelnen umschrieben.
Die Kunstmusik, soweit sie Instrumentalmusik war, ist in
ihrer technischen Entwicklung ursprünglich nicht so sehr durch
die einzelnen Instrumente begrenzt worden, wie durch das
Generalinstrument des früheren Mittelalters und noch des
15. bis 18. Jahrhunderts, die Orgel. Denn sie hatte die am
meisten mechanische Spieltechnik; sie allein gehörte uursprünglich