Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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ging Mozart weit hinaus über die innere Ausstattung, die 
Haydn den neuen Formen gegeben hatte. 
Zunächst emanzipierte er sich innerlich noch weit mehr als 
Haydn vom Rokoko, wenngleich auch ihm noch etwas von der 
hurtigen Gebundenheit des Stiles, soweit diese seiner eigenen 
Anlage entsprach, geblieben ist. Vor allem aber individuali— 
sierte er die Wirkungen der einzelnen Instrumente mehr, als 
Haydn dies getan hatte; hier, auf dem Klavier wie im Orchester, 
bewies er dieselben Fähigkeiten der Differenzierung der Ton— 
wirkungen und ihrer Ausnutzung zu tieferer Charakterisierung 
von Gefühlen, durch die sich seine Opernmusik auszeichnete. 
Damit hing es denn zusammen, daß seine Musik weit enhar⸗ 
monischer wurde als die Haydns: selbst Beethoven hat sie darin 
nicht übertroffen, wenn er auch in der Richtung der Dissonanzen 
weiter und nicht selten sogar bis zur Kakophonie ging. Und 
nicht minder ergab es sich aus diesem vermehrten Charakte— 
risierungsbestreben, daß der Klaviersatz voller und die Orchester— 
musik dicker wurde. Es war eine Entwicklung; die sehr leicht 
an dem Übermaß der Tonwirkungen hätte scheitern können. 
Aber hier war es nun die vielleicht bezeichnendste Eigenschaft 
Mozaurts, daß ein eingeborener Schönheitssinn dieses Übermaß 
nicht zuließ. Denn nichts charakterisiert die Musik des Meisters 
mehr als die berühmte Kantabilität, jene Sangbarkeit, mit 
der er alle instrumentalen Wirkungen auszustatten verstand, vor 
allem die Instrumentalmelodie selber. 
Indem er sich aber so im Besitze und in der Herrschaft 
bedeutend verstärkter und verfeinerter instrumentaler Wirkungen 
sah, ging er unwillkürlich auch über die Einfachheit der Melodie— 
bildung hinaus, die für Haydn noch so bezeichnend gewesen 
war. Zwar war ihm die Melodie keineswegs schon gelegentlich 
etwas unmittelbar Aphoristisches — wohl nie hat er bereits 
einen Tonsatz mit Bruchstücken einer Melodie begonnen —: 
aber dennoch zog er schon, weit über Haydn hinweg, z. B. die 
Tanzmelodie gern derart in die Kunstform, daß man nach ihr 
nicht mehr zu tanzen vermag: idealisierte also das sinnliche 
Element der ursprünglicheren musikalischen Empfindung. Da
	        
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