Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

578 Zweiundzwanzigstes Buch.

sieht man denn wohl, wie hier ein Klassizismus zu erstehen
begann, der die Formen seiner Bindung nicht mehr der
früheren Kunst verdankte: hier eben entwickelte sich die höhere
Freiheit vom Rokoko und den letzten Einwirkungen des ge⸗
bundenen und galanten Stiles. Und nun läßt sich verfolgen,
wie unter diesem Zuge zur Idealisierung, diesem spezifisch
künstlerischen Triebe zur Ausbildung der Melodie und der
Musik überhaupt Satz und Harmonie höher, ja fast künstlich
organisiert werden, wie volksmäßige Motive nur noch als Ge⸗
dächtnishintergrund erscheinen, wie diese Musik den Erdgeruch
gleichsam verliert und sich aufbaut ins persönlich Stilgemäße,
subjektiv Wirksame. Gewiß geschieht das nicht ohne den Hinzu⸗
tritt fremder Einflüsse; so erinnert 3z. B. die Weitung der
Melodie namentlich in den Adagios leicht an italienische Vor—
bilder, und die französische Rhythmik wurde namentlich seit
dem Pariser Aufenthalte von 1778 von Bedeutung: seitdem
verbinden sich auch mit der Schönheit und der Innerlichkeit
der Melodien häufiger als früher Ernst und erhabenes Pathos.
Aber im ganzen bleibt doch Mozart auch in dieser Zeit der
Vollendung seines Stiles er selber. Sein Eigen ist es, wenn
jetzt alle Kunstmittel zusammengenommen und, im Streben
nach dem Charakteristischen, zu Überraschungen ausgenutzt.
werden, die Haydn erschreckt haben würden; sein Eigen der
häufige Wechsel des Temperaments, von dem die „Sonata
quasi fantasia“ eines der lehrreichsten Beispiele bietet; sein
Eigen auch die Variation als eine Kunstform, die nicht mehr
auf bloße Verwendung von Arabesken hinausläuft, sondern
das Thema derart subjektiv abwandelt, daß es nur eben noch
erkennbar bleibt. Von hier ist bis dann bis zum leisen Durch—
brechen der einfachsten alten Formen wie namentlich des
zyklischen Kreises der vier Sätze nicht mehr weit; es kommt
vor, daß bei Wiederholung einer Melodie Takte in sie ein⸗
geschoben werden, ja daß sich der Meister in den Themen
der Allegrosätze wohl gar in Sinnen und Träumen verliert:
und allbewältigend beginnt so ein subjektives Moment hervor⸗
zutreten, dessen volle Herrschaft den Triumph des frühen
            
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