Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 685 
moderne Märtyrer und Held: und unter seinen Fußtritten sind 
Blumen hervorgesproßt, wilde Blumen, Blumen aller Jahres-— 
zeiten, Blumen mit herbbizarren Kelchen, Passionsblumen ohne 
Zahl. 
Ludwig van Beethoven, Sohn eines Mitgliedes der kur— 
fürstlich kölnischen Hofkapelle, ist am 17. Dezember 1770 zu 
Bonn getauft worden. Nachdem er in derselben Kapelle ge— 
dient hatte, nahm er, früh als genial erkannt, auf Veranlassung 
edler Freunde, die seine bessere Durchbildung wünschten, seit 
1792 seinen ständigen Aufenthalt in Wien, als freilich ziem— 
lich widerwilliger Schüler Haydns, als Bewunderger der 
älteren Musik Bachs, Händels und früherer Meister bis zurück 
auf Palestrina, die er im Hause van Swietens, des geistig 
beweglichen und hochgebildeten Leibarztes der Kaiserin Maria 
Theresia, kennen lernte. Seit 1795 war er als Komponist 
tätiger, seit 1808, von der Schöpfung der 7Eroika“ an, er— 
lebte er ein Jahrzehnt freiester Vollendung seines Schaffens, 
das mit der A-dur-Symphonie des Jahres 1813 schloß; dann 
folgte etwa ein Jahrfünft geringerer Fruchtbarkeit, bis der in 
sich Gezogene, immer höheren musikalischen Ideen zustrebend, 
noch die herrlichste Spätblüte seines Genius erlebte. Am 
26. März 1827 ist er gestorben. 
Das Geschlecht Beethovens war vlaemischer Herkunft; in 
der Gegend von Löwen war es zu Hause. Beethoven hatte, 
wie so viele große Deutsche, den echten Charakter seines 
Stammes. Der Vergleich mit Rubens liegt nahe: bei beiden 
die selbe Energie der Gefühlsäußerung, die selbe unerschöpf— 
liche Phantasie, das gleich Berauschende des Vortrages. Aber 
Beethoven ist von beiden der tiefere, wie er der unglücklichere 
war. Seine Gefühlswelt ist unermeßlich; er hat als Künstler 
persönlich eine Riesenentwicklung erlebt, und nie hat ihm die 
Gefahr, die Rubens nahetrat, in Manier zu verfallen, auch 
nur von ferne gedroht. 
Aus diesem unendlich reichen Inneren, aus dieser un— 
glaublich starken Aktualität der Seele quoll bei Beethoven eine 
nicht minder gewaltige Unendlichkeit von Tönen. Er war
	        
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