Bildende Kunst und Musik.
druck des inneren, dichterischen Programmes dienen, dessen
bewegte Bewältigung erste Sorge des Meisters bleibt.
Bei alledem werden von Beethoven die hergebrachten musika⸗
lischen Formen nicht eigentlich fortgebildet. Sie erscheinen viel⸗
mehr in einer auch für seine Musik noch ausreichenden Entfaltung
schon von Haydn und Mozart geschaffen. Und so läßt sich
bvon diesem Gesichtspunkte aus wohl behaupten, daß Beethoven,
rein musikalisch, nur die Musik Haydns und Mozarts zu einem
Neuen verschmolzen habe. Von Mozart würde er für eine
solche Betrachtung die bekannte Kantabilität im Allegro her—
zgenommen haben, jene unmittelbare Verbindung kräftig be—
wegter und sentimental ruhiger Elemente, die von den Zeit⸗
genossen zuerst als Stilvermischung getadelt worden war. Und
bon Haydn hätte er das Prinzip der thematischen Entwicklung
ergriffen, eine neue instrumentale Rhetorik, deren Wesen auf
der größten Ausnutzung der kleinen und kleinsten Satzteile und
Gedankenglieder beruhte. Von dem einen wäre er auf Innig—
keit hingewiesen worden und von dem anderen auf Meister—
schaft der Exegese. Und Haudns Einfluß wäre dabei der
tärkere gewesen.
Aber nicht so erklären sich die Taten des Genius. Beet—
hoven gehörte der ganzen Umwelt seiner Zeit an und holte
weiteinatmend aus all ihrer Luft das Lebensprinzip seines
Daseins. Im übrigen aber gehörte er sich selbst; und es ist
gänzlich verfehlt, ihn mit den Destillierapparaten der üblichen
Ableitungstheorien als Kompositum einiger vorhergegangener
menschlicher Größen erweisen zu wollen. Schon eine einfache
Nachrechnung sollte dieses törichte, aber noch immer als wissen⸗
schaftlich geltende, ja noch herrschende Verfahren vernichten.
Man leite nur ab und ab, von Generation zu Generation rück—
wärts — bis auf den ersten Menschen und frage sich dann,
wie sich aus einem ursprünglich einzigen schöpferischen Prinzip
die komposite Divergenz der späteren erklären solle.
Beethoven war er selber, wie Haydn und Mozart sie selber
waren: und nachschaffend zu umfangen, nicht aber berechnend
einzuzirkeln ist ihre Größe.
Zamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.