588 Zweiundzwanzigstes Buch.
Was Beethoven vor allem charakterisiert, ist die Fülle
der Gesichte und die absolute Herrschaft über sie. Wir wissen,
wie er seinen inneren Reichtum ständig in Skizzenbücher, die
er immer bei sich trug, ableiten mußte, um nicht zu ersticken.
Und wir sehen ihn in ständiger Souveränität, auf Grund eines
erstaunlichen Gedächtnisses, über diesen Reichtum verfügen. Er
ist ein Herrscher und Schöpfer zugleich, dessen abschließende
Dispositionen und dessen Werkstattsakten vorliegen: und von
unvergleichlichem Reize ist es, zu sehen, wie aus den dürren
Blättern die Flammen des Genius emporzüngeln und zu den
Feuermassen jener vollendeten Werke zusammenlohen, die wir
kennen. In dieser Fülle und Herrschaft ist Beethoven wohl nur
mit Shakespeare zu vergleichen: wie er ihm deshalb auch gleicht
in dem langatmigen Zuge der Phantasie und in der virtuosen,
mit tausend Mitteln einer kunstreichen Technik durchgeführten
Vorbereitung wichtiger Effekte. „Wie bei Shakespeagre, scheint
bei ihm die bunteste Fülle von Modulationen zu herrschen ...
Tritt man näher hinzu, so bewundert man die Einheit, wie
vorher die Mannigfaltigkeit, die Notwendigkeit wie vorher die
Kühnheit der Willkür. Lange vor dem wirklichen Eintritt der
Modulation in die Tonart der Dominante oder in die verwandte
Durtonart zeigt der Komponist diese schon. Er strebt ihr zu,
die noch herrschende Tonart zieht ihn immer wieder zurück,
jenes Streben wird immer dringender, der Widerstand immer
schwächer. Wir haben schon das vollständige Gefühl der neuen
Tonart, während wir noch in der Gewalt der alten zu sein
scheinen. Dennoch überrascht uns das wirkliche Faktum des
Übergangs. Durch das vorhergegangene Zögern erscheint uns
die nun doch unvermeidliche Tat als eine freie, kühne, wie
die offene Erklärung eines Schrittes, der eigentlich schon
getan ist.““
Soll die Stellung Beethovens in der Geschichte der
musikalischen Formgebung — und das heißt in der Ent—
wicklungsgeschichte der Musik — gekennzeichnet werden, so ge⸗
Otto Ludwig, selbst bekanntlich auch Musiker, Werke 2, 92.