Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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kein Urteil über einen sich je nach verschiedener Gelegenheit 
wandelnden Stil. Um so mehr aber reden sie von der innersten 
Seele des Komponisten selbst. Und hier zeigt sich, daß sie 
eine fast unveränderte Sprache führen durch alle Jahrzehnte 
der schöpferischen Tätigkeit des Meisters hin; manchmal noch 
ein wenig der Phraseologie des Rokokos verwandt sind sie 
doch vor allem einfach und darum geeignet, tief auf das Gemüt 
zu wirken. Ja man kann von den besten von ihnen behaupten, 
daß ihr Ton nicht bloß die ganze Schaffenszeit des Meisters 
fast indifferent überspanne, sondern daß sie auch, gleich den 
schönsten Liedern Goethes, mindestens für die ganze Kultur 
des Subjektivismus gleichsam zeitlose Schöpfungen seien. Oder 
wer empfindet nicht heute noch so pathetische Lieder wie in 
„In questa tomba oscura“, oder so melancholische, wie 
„Trocknet nicht, Tränen der ewigen Liebe“, oder so geheimnis⸗ 
voll sehnende wie „Kennst du das Land“ als modern und als 
von gleichsam jüngster Geburt wie vor hundert Jahren? 
Dennoch hat auch dieser ausgesprochene Geist seine Ent— 
wicklung gehabt; ja sie war in sich sogar von einem fast un⸗ 
glaublichen Reichtum; und mindestens zwei Perioden seines 
Wirkens müssen unterschieden werden, da sie durch ein Jahr⸗ 
fünft verhältnismäßiger Unfruchtbarkeit, die Zeit von 1818 bis 
etwa 1817 oder 1818, unterbrochen sind. 
Die erste Periode begann etwa mit der Wende des Jahr⸗ 
hunderts. Sie zeitigte die ersten acht Symphonien und den 
„Fidelio“, sie blühte ab mit den Goetheliedern und auch wohl 
der achten Symphonie vom Zahre 1812. Ihr Höhepunkt wurde 
erreicht in den Jahren 1804 bis 1808: „Eroika“, „Fidelio“, 
„Appassionata“, C-moll-und F-dur-Symphonie. 
Das noch vor dieser ersten Periode liegende Jahrfünft 
hatte Beethoven vornehmlich der Klaviermusik und damit zu— 
nächst der Sonate gewidmet. Und schon hier zeigte sich der 
Meister. So wie etwa Giotto die alten typischen Gestalten 
der herkömmlichen Bilder zum Alten und Neuen Testamente 
mit ihren stereotypen Gesten persönlich belebt und dadurch erst 
zum Sprechen bringt, so daß du betroffen zurückprallst, siehst
	        
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